Der Morgen war friedlich, und die ersten Sonnenstrahlen fielen durch die Fenster des Hauses, das von Hollys Mutter so liebevoll eingerichtet worden war. Die Küche duftete nach frischem Brot, und die stillen Geräusche einer brummenden Kaffeemaschine mischten sich mit dem leisen Zwitschern der Vögel im Garten. Hollys Mutter, eine Frau mit warmem Lächeln und sanften Händen, stellte eine dampfende Tasse Kaffee auf den Tisch.
„Frühstück ist fertig“, rief sie mit heller Stimme und schaute zu ihrem Ehemann, der dabei war seine Aktentasche zu packen.
Hollys Vater, ein großer, ernst wirkender Mann, warf ihr ein knappes Lächeln zu. Er wirkte abgelenkt, fast unnahbar, doch an diesem Morgen schien etwas anderes in der Luft zu liegen. Hollys Mutter bemerkte es, in dem Moment, indem sie seinen Mantel aufhob, um ihn ordentlich über den Stuhl zu legen.
Ein kalter Schauer lief ihr den Rücken hinunter, ihre Finger erstarrten, mitten in der Bewegung, wenn sie das Zeichen sieht – ein kleines Symbol, sorgfältig in das Leder der Aktentasche geprägt – ein Blitz, umgeben von Flammen, eingefasst in einem Kreis. Ihr Herz, schlug schneller, und ihre Finger zitterten leicht, sie nahm den Atem, in ihrer Kehle war, der auf einmal schwer wurde, in dem Moment in der sie die Tasche zurückstellte. Dieses Symbol kannte sie aus ihrer Vergangenheit. Es war das Zeichen der Organisation. Sie hatte den Gedanken Nein, bitte nicht. „Weshalb heute? Warum ausgerechnet jetzt?“, flüsterte sie.
Ihr Blick wanderte vorsichtig zu ihrem Mann, der am Küchentisch seine Krawatte band. Er wirkte wie immer: gefasst, kontrolliert, ein wenig müde. Doch das Symbol brannte sich in ihre Gedanken ein, ein unausweichliches Zeichen für die Gefahr, die näher rückte.
„Ich bin heute etwas länger im Büro“, sagte Hollys Vater beiläufig, zu der Zeit, zu der er zum Tisch trat und sich seine Krawatte wieder einmal zurechtrückte. „Mach dir keinen Kopf, ich komme rechtzeitig zum Abendessen.“
Sein Tonfall war wie immer, sie zwang sich zur Ruhe. Sie rang sich ein Lächeln ab und nickte, „Pass auf dich auf.“ Doch in ihrem Inneren braute sich ein Sturm zusammen.
In dem Moment in der die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, ließ sie das aufgetragene Lachen fallen. Ein schwerer Kloß bildete sich in ihrem Hals, und ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Sie atmete tief ein, versuchte, die Panik zu unterdrücken, die sich in ihrem Inneren ausbreitete. Ihre Gedanken rasten, sie zwang sich, langsam auszuatmen, bevor sie zur Küchentür lief und hinaus in den Flur trat. Jeder Schritt war schwer und träge, sie hatte das Gefühl, wie wenn sie durch zähen Nebel laufen würde.
Hollys Mutter schlich leise in das Büro ihres Mannes. Sie zögerte nur kurz, bevor sie die Schubladen durchsuchte, ihre Hände zitterten vor Angst. Nach einigen Minuten stieß sie auf eine Akte, sorgfältig beschriftet mit einem Namen, den sie sofort erkannte: Elise, es war ihrer.
Sie öffnete die Mappe, und ihre übelsten Befürchtungen wurden wahr. Berichte, darüber das sie dem Untergrund angehört hat, Notizen, sogar eine Empfehlung, sie zu überwachen. Die Organisation jagte sie – oder bestialischer, ihre Tochter, mit einer alten Magie in sich. Sie bemerkte, wie sich die Welt um sie herumdrehte.
Ein leises Lachen riss sie aus ihren Gedanken. Es kam aus dem Wohnzimmer. Mit wackeligen Schritten folgte sie dem Geräusch und spähte in den Raum.
Holly saß in ihrer kleinen Höhle, die sie aus den Decken und Kissen gebaut hatte. Ihre blonden Locken schimmerten im Schimmer der Morgensonne, und sie schaute nach oben. Sterne aus Licht tanzten über ihr, schwebten sanft an der „Decke“ ihrer Höhle entlang.
„Holly… mit wem redest du?“, fragte ihre Mutter zögernd.
Sie drehte sich nicht um, sondern flüsterte weiter, sie schien jemandem zu antworten, den nur sie zu sehen imstande war.
„Sie sagt, ich bin ein Licht“, murmelte Holly mit einem Lächeln. „Und dass ich keine Angst haben brauche.“
Hollys Mutter bemerkte, wie ihr Herzschlag sich beschleunigte. Ein Licht? Mit wem redet sie?
„Holly, komm da raus“, sagte sie sanft, aber ihre Stimme zitterte.
Sie drehte sich zu ihr um, ihre Augen leuchteten leicht, sie fragte: „Mama, warum hast du Angst?“
Hollys Mutter trat einen Schritt zurück. Sie war zu klein, um zu verstehen, was sie bewirkte. Doch Elise war es klar – Magie.
Die Welt schien sich um sie herum aufzulösen. Sie sah zu ihrer Tochter, die unschuldig lächelte, und fragte sich, ob sie in der Lage ist sie zu schützen. Ihr Mann hatte sie verraten, die Organisation würde kommen, und Holly… Sie war bedeutend. Zu aufsehenerregend, um in dieser Welt sicher zu sein.
Mit zitternden Händen zog Elise sie in eine Umarmung und drückte sie fest an sich. Sie flüsterte in ihr Ohr: „Ich werde dich beschützen, mein Sternchen. Egal, was kommt.“
Doch in ihrem Inneren war ihr klar, dass ihre Zeit ablief.
Elise saß regungslos am Küchentisch, brach das sanfte Licht des späten Vormittags durch die Fenster. Ihre Hände umklammerten eine Tasse, deren Inhalt längst kalt wurde. Die Mappe mit den Berichten und Notizen ihres Mannes lag aufgeschlagen vor ihr, eine stumme Anklage gegen den Menschen, den sie einst geliebt hatte.
Sie werden kommen. Der Gedanke bohrte sich immer wieder in ihr Bewusstsein. Und wenn sie da sind, werden sie uns beide zerstören.
Elise atmete tief ein. Sie hatte genug Gründe nicht abzuwarten, sie brauchte eine Lösung – für Holly, und sich selbst. Doch ihre Gedanken waren ein Labyrinth, aus dem es keinen klaren Ausweg zu geben schien.
Elise griff nach einem alten, verblichenen Buch, das sie tief in der hintersten Schublade versteckt hatte. Es war ein Relikt aus einer Zeit, die sie hinter sich gelassen hat – ein Symbol des Widerstands gegen die Organisation. Der Untergrund hatte ihr einst geholfen, und jetzt brauchte sie wieder ihre Hilfe.
Mit vorsichtigen Händen öffnete sie das Buch und sprach die Worte, die sie seit Jahren nicht mehr benutzt hatte. Ein sanftes, goldenes Licht erfüllte die Küche, und eine Gestalt erschien. Es war eine Frau mit grimmigem Gesichtsausdruck und strengen, dunklen Augen.
„Elise“, sprach die Dame, ihre Stimme war kühl. „Du weißt, dass ein Kontakt wie dieser nicht ohne Risiko ist. Was ist so wichtig?“
„Hilfe Eira“, sagte sie schlicht. „Holly… sie hat Magie. Sie ist so klein, aber sie hat sie.“
Die Frau schwieg einen Moment, ihre Augen musterten Elise aufmerksam. „Wenn die Organisation das herausfindet, ist sie verloren. Und du bist es ebenfalls.“
„Das ist mir klar!“, rief Elise, ihre Stimme war verzweifelt. „Aber ich werde sie nicht aufgeben. Welche Möglichkeiten sind vorhanden, um ihre Sicherheit zu gewährleisten?.“
„Es gibt einen Weg“, sagte Eira, ihre Stimme war schwer. „Aber er wird dir nicht gefallen.“
„Was ist es?“, fragte Elise, ihre Hände zitterten.
„Blockiere ihre Magie. Vollständig. Sie wird erst erfahren, wer sie ist, wenn sie bereit ist, sich selbst zu schützen. Solange sie sich ihrer Kräfte nicht bewusst ist, wird der Feind sie nicht zur Bedrohung erklären.“
Elise schluckte. „Und was wird aus mir Eira?“
Die Frau sah sie mit einem Blick an, der keine Hoffnung zuließ. „Du wirst verschwinden. Flüchte, solange es dir möglich ist. Aber wenn du bleibst, wird der Feind nicht nur dich finden – und er wird euch beide zerstören.“
„Sie zu verlassen, ist der einzige Weg?“, flüsterte Elise. „Ich liebe Holly, es ist so schwer.“
„Wenn du bleibst, lässt du ihr keine Chance“, sagte Eira scharf. „Über lege dir genau, was du vor hast, Elise. Nur so bleibt sie am Leben.“
Die gestallt verblasste, und sie blieb allein zurück. Sie saß lange regungslos da, ihre Gedanken rasten. Sie war sich bewusst, dass die Frau recht hatte, doch die Idee, ihre Kleine zurückzulassen, zerriss sie.
Am Nachmittag spielte Holly weiter in ihrer Höhle und summte leise vor sich hin, Elise nahm ihre Tochter in die Arme und drückte sie fest an sich. „Ich liebe dich, Sternchen“, flüsterte sie, Tränen liefen über ihre Wangen. „Egal was passiert, ich werde immer bei dir sein.“
Sie war sich bewusst, dass sie zu handeln hatte. In dieser Nacht würde sie Holly das Medaillon geben und ihre Magie versiegeln. Und dann würde sie fortgehen, bevor die Organisation sie finden würde.
Die Nacht war still. Draußen, vor dem kleinen Haus in Minnesota, hingen die Sterne wie stumme Zeugen am Himmel, sie beobachteten das gedämpfte Licht, das durch einen schmalen Spalt im Wohnzimmerfenster fiel. Drinnen lag eine seltsame Spannung in der Luft, sie war greifbar. Im Haus schlief Hollys Vater, hellhörig, mit verspanntem Kiefer. Sein Atem roch nach Alkohol und Verzweiflung. In seinem Inneren herrschte eine Leere, die er nicht zu füllen vermochte. Er würde diese Nacht nichts bemerken – weder die Schritte, oder das Flüstern. Er bemerkte nicht, wie etwas Unwiederbringliches in der Dunkelheit geschah, Bedeutendes das sein Leben wie er es bisher gewohnt war, auf den Kopf stellen würde.
Ein leises Knarren verriet eine Tür, die vorsichtig geöffnet wurde. Elise schlich sich an Hollys Kinderbett heran, über dem ein dünner Lichtstrahl tanzte. Zwischen weichen Decken schlief ihre junge Tochter – Holly, kaum mehr wie 3 Jahre alt. Sanft hob Elise eine Hand, in der ein kleines Medaillon schimmerte. Silber, mit einem zarten Runensymbol, das im Mondschein fast glühte. Sie legte es um Hollys Hals und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Elise kniete sich neben das Bett, ihre Augen voll Schmerz, Tränen und Entschlossenheit. Dann beugte sie sich vor, küsste die kleine Stirn und flüsterte Worte, die nur die Stille hörte. Mit diesem Kuss verhüllte sie die Zukunft ihrer Tochter in einen dunklen Schleier des Vergessens. Sie nahm ihr die Fähigkeit, Magie zu entwickeln, schloss diese Kraft tief in Hollys Innerem ein, so lange, bis die Welt sicher genug sein würde, um sie wieder freizugeben.
Etwas huschte im Schatten, lautlos wie ein Gedanke, der in der Stille verweht. Eine Wölfin, ihr silbernes Fell im Zwielicht fast durchsichtig, trat näher. Ihre hellblauen Augen leuchteten flüchtig gelb auf, sie betrachtete das schlafende Mädchen. Das Tier verharrte neben dem Bett, behütend und doch traurig. Elise berührte sanft den Hals des Wolfs, sie tauschte ein Versprechen aus, ein stummes Einverständnis. Leise flüsterte sie „Beschütze sie, ich bin nicht mehr dazu in der Lage.“ Dann erhob sie sich, trat zurück und verschwand in der Dunkelheit, frei von lauten Geräuschen.
Die Wölfin blieb bei Holly. Jede Nacht würde sie kommen, sich an die Seite Hollys legen, über sie wachen, ohne dass Vater oder Tochter es je begriffen. Drei Jahre lang würde ihre stille Anwesenheit ein unsichtbarer Schild sein, bevor sie sich endgültig zurückzog. Zurück in eine Welt der Schatten, der Magie und des unausgesprochenen Schmerzes.
Draußen wehte der Wind durch die Bäume, er flüsterte, um die unausweichlichen Ereignisse der Zukunft anzukündigen. Um den Kampf in Hollys Innerem, den Widerhall eines gebrochenen Familienbandes und das Erwachen verborgener Kräfte, die eines Tages Licht in eine Welt voller Dunkelheit bringen werden. Die Sterne flammten in der Ferne – schweigende Begleiter einer Geschichte, deren erster Schritt eben gegangen war.
Und so wurde alles in Gang gesetzt. In jener stillen, schmerzvollen Nacht, in der eine Mutter ihre Tochter verließ, um sie vor einer Wahrheit zu schützen, die zu dieser Zeit zu gefährlich war.