Holly hatte keine Erinnerung daran, wann sie zuletzt mit etwas wie Vorfreude aufgewacht ist. Es war ihr letztes Schuljahr, doch dieser Gedanke löste keinerlei Kribbeln in ihr aus, eher eine bleierne Müdigkeit. Der Wecker hatte wie immer um halb sieben geklingelt, und sie hatte einige Minuten lang ins Leere gestarrt, bevor sie sich aus dem Bett schälte. Ihr Zimmer war klein, vollgestellt mit Gegenständen, die sie hütete, ohne an ihnen zu hängen. Ein alter Plüschhase aus ihrer Kindheit, ein paar Bücher, die sie nicht gelesen hatte, weil sie nicht in der Lage war sich zu konzentrieren. An den Wänden hingen Poster von Bands, die längst auseinandergerissen waren. Es wirkte, wie ein Leben, das jemand geplant hatte, aber das nie in Gang gekommen war.
Sie zog eine Jeans und einen schlichten Pullover an, band ihr schwarzes Haar zu einem lockeren Zopf, nur um es gleich darauf wieder zu lösen. Der Spiegel zeigte ihr ein blasses Gesicht mit dunklen Ringen unter den Augen. Sie sinnt kurz darüber nach, ein wenig Make-up aufzulegen, ließ es aber bleiben. Wozu? Es achtete niemand auf sie. Und wenn doch, dann nur, um sie zu verspotten. In der Zeit, in der sie in den Spiegel schaute, verschwommen vor Hollys Augen die Bilder…
Holly stand reglos vor dem Sarg. Sie hatte die Worte des Priesters kaum wahrgenommen, sie starrte mit leerem Blick, auf die Blumenarrangements. Die Kälte des Raumes drang durch ihren Mantel, aber sie bemerkte sie nicht. Sie war dreizehn Jahre alt und zum ersten Mal mit dem Tod konfrontiert – dem Tod ihrer Mutter.
Ihr Vater hatte ihre Hand genommen, aber es hatte sich distanziert angefühlt. Er sagte nichts, schaute nur auf den Sarg, und sein Griff war so locker, dass sie das Gefühl hatte, allein zu sein.
Die Beerdigung war klein, mit nur wenigen Anwesenden, und die meisten von ihnen waren für Holly Fremde. Sie war sich nicht einmal sicher, warum sie hier waren. Niemand hatte ihre Mutter so erlebt wie sie – zumindest nicht so, wie sie sie gekannt hatte, bevor sie verschwand.
Zu der Zeit zu der, der Priester sprach, schaute Holly sich um. Ihre Augen wanderten über die Gesichter der Trauernden, blieben aber an einer Person hängen, die abseitsstand. Eine Gestalt in einem dunklen Mantel, dessen Mund und Nase verdeckt war. Der Fremde stand reglos da und schien sie direkt anzusehen.
Holly versuchte ihren Vater darauf aufmerksam zumachen, doch in dem Moment, indem sie ihn anstieß und wieder hinsah, war die Gestalt verschwunden. Sie empfand ein seltsames Unbehagen, welches sie nicht einzuordnen vermochte.
Nach der Zeremonie wurde ihre Unsicherheit bestätigt. Eine Frau trat an sie heran, die sie nie zuvor gesehen hatte. Sie wirkte friedlich, aber ihre Augen hatten etwas Unergründliches.
„Holly?“, fragte die Frau mit sanfter, bestimmender Stimme.
Sie nickte und sah vorsichtig zu ihrem Vater hinüber, der mit dem Priester sprach.
„Deine Mutter bestand darauf, dass du das bekommst“, sagte die Frau leise und reichte ihr ein kleines Päckchen mit einem versiegelten Umschlag. Er war schlicht, aber der Name „Holly“ war in vertrauter Handschrift geschrieben.
„Wer sind sie?“, fragte sie, doch die Dame lächelte nur leicht, ein Lächeln das mehr Fragen aufwarf, wie es beantwortete „Eine Freundin deiner Mutter“, sagte sie „Warum?“ setze Holly an, in diesem Moment hob die Frau eine Hand. „Sag nichts. Du wirst es verstehen, wenn die Zeit reif ist.“ Sie setzte dazu an zu widersprechen, doch die Dame hatte sich abgewandt. Sie schritt davon, ihre Bewegungen waren so elegant, dass sie fast zu schweben schien.
„Warten Sie!“, rief Holly, aber die Frau verschwand zwischen den Grabsteinen, wie wenn sie sich in Luft aufgelöst hätte.
Zurück blieb sie mit dem Umschlag in der Hand und einem Gefühl der Verwirrung. Wer war diese Frau nur? Und was hatte ihre Mutter ihr hinterlassen?
Wo Holly 3 Jahre alt war, bemerkte sie, wie ihr neues Zuhause sich klein und fremd anfühlte. Sie hatte es damals nicht verstanden, doch sie hat sich gemerkt, dass sie und ihr Vater das alte Haus verlassen haben, kurz nachdem ihre Mutter verschwunden war.
„Es ist sicherer so“, hatte er ihr gesagt, ohne eine Erklärung zu geben. Sein Ton war entschlossen, aber seine Augen verrieten eine Traurigkeit, die Holly damals nicht verstand.
Der Umzug war ein Bruch mit allem, was sie gekannt hatte. Das neue Haus war im Ganzen das Gegenteil des alten. Es hatte keine Seele, es ist kleiner, nüchterner, ohne die Wärme und Liebe, die in jedem Winkel ihres vorherigen Zuhauses geherrscht hatten. Die Wände waren schneeweiß gestrichen, kahl und leer, und das Licht, das durch die Fenster fiel, war kalt und blass. Es gab nicht einen Kristall, der das Sonnenlicht brach und in Regenbogenfarben tanzende Muster auf die Wände zauberte.
In der Küche stand nicht ein Blumenstrauß auf dem Tisch, und die Arbeitsplatte war leer – die frischen Kräuter fehlten, kein Duft von gebackenem Brot. Stattdessen roch es nach Reinigungsmitteln und der abgestandenen Luft eines Hauses, das nicht bewohnt schien.
Das Wohnzimmer wurde funktional eingerichtet, aber lieblos. Der Boden war kahl, ohne Teppich, der Wärme ausstrahlte. Die Möbel waren altmodisch und abgenutzt, wie wenn sie ihr bestes Leben schon lange hinter sich hätten. Es gab nicht ein Kissen mit bunten Blumen, die von Elise gestickt worden waren, und keine Decken, die in einem Korb auf ihren Einsatz warteten.
Hollys neues Zimmer war ebenfalls schlicht. Die Wände waren in einem blassen Beige gestrichen, und das Bett war bescheiden, ohne die vielen weichen Decken und Kissen, in die sie sich früher gekuschelt hatte. Über dem Bettchen hing kein Mobile mit Sternen, das leise im Licht schwankte. Es gab nichts Persönliches, das sie an das alte Haus erinnerte.
Am meisten fehlte Holly der Keller ihres Zuhauses. Dort hatte das Puppenhaus gestanden, in dem sie stundenlang mit ihrer Mutter gespielt hatte. Sie sah vor ihrem geistigen Auge, wie Elise neben ihr saß, wenn sie gemeinsam die kleinen Figuren bewegten und Geschichten erfanden. Es bedeutete, ein Ort der Nähe zu sein, der Geborgenheit. Jetzt war es weg.
Im neuen Haus gab es keinen Raum für solche Erinnerungen. Der Keller war feucht und leer, ohne irgendeinen Zweck. Mit dem Umzug wurde nicht nur der Ort, sondern ein Teil von Hollys Kindheit genommen.
Holly vermisste den Duft von Lavendel, der in den Kissen des alten Hauses gehangen hatte. Ihr fehlten die kleinen Details, die Elise mit Liebe geschaffen hatte – die frischen Blumen, die gestickten Kissenbezüge, die Kräuter auf der Anrichte. Das Haus ist sauber, ja, aber es war kein Zuhause. Ihr Vater hatte alles versucht, um Normalität zu schaffen, doch sie bemerkte, dass er selbst nur funktionierte.
Die Rückblende verblasste, und Holly fand sich wieder in ihrem Zimmer, in der Gegenwart. Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Die Erinnerung an die Beerdigung ihrer Mutter löste immer ein schmerzhaftes Stechen in ihrem Inneren aus, aber sie verdrängte es wie so oft.
Unten in der Küche roch es muffig. Ihr Vater saß schon am Tisch, den Kopf in die Hand gestützt, neben sich eine halb leere Tasse Kaffee. Der Fernseher lief leise im Hintergrund, irgendeine Morgensendung, bei der Menschen lachten und strahlten, wie wenn die Erde ein bemerkenswerter Ort wäre, an dem jeder herzlich willkommen war. Holly kannte die Wahrheit. Sie lebte in der wirklichen Welt: ein Ort, an dem ihre Mutter sie verlassen hatte, wo sie ein kleines Kind war, und in der ihr Vater im Schmerz erstarrt war, unfähig, Liebe oder Geborgenheit zu geben. Eine Welt, in der ihre Klassenkameraden sie mieden, dadurch das sie anders war – sie hatte keine intakte Familie, weil sie etwas an sich hatte, das nicht in ihre Normen passte.
„Morgen“, sagte sie leise, bevor sie ein Glas mit Wasser am Wasserhahn füllte. Ihr Vater brummte etwas Unverständliches. Er sah sie nicht an. Sie fragte sich, ob er schon getrunken hatte. Sein Gesicht war fahl, die Augen rot. Gelegentlich roch sie den Alkohol, manchmal nicht. Aber das bedeutete nichts. Er war längst in einem Zustand, in dem er die Trauer so tief in sich vergraben hatte, dass sie alles andere erstickte.
Holly aß eine trockene Scheibe Toast, stand dabei, weil sie es unangenehm fand sich zu ihm an den Tisch zu setzen. Sie hatte dieses Spiel oft gespielt: Würde er heute fragen, wie es ihr ergeht? Würde er sagen, dass es ihm leidtut, dass er am Abend etwas kocht, nur für sie beide, zusammen ausgelassen Zeit miteinander verbringen? Aber er fragte nicht. Er sagte nichts. Und sie wartete nicht darauf. Die Hoffnung war längst ein glühender Stein in ihrer Brust, den sie nicht mehr empfand, weil sie sich an den Schmerz gewöhnt hatte.
Um kurz vor sieben lief sie los, um sich auf den Weg zu begeben. Es war Herbst, die Luft kühl und feucht, und auf den Gehwegen sammelten sich braune Blätter. Ein paar andere Schüler sah sie von Weitem, Holly vermied es, sich ihnen anzuschließen. Schon in der Grundschule war sie allein geblieben. Zuerst aus Schüchternheit, dann, weil sie gelernt hatte, dass Anderssein bestraft wurde. Mitschüler hatten sie gehänselt, da sie keine Mutter hatte. Manche hatten abwertende Sprüche getätigt, dass sie zu seltsam sei, um geliebt zu werden. Sie war oft geschubst worden, einmal hatte sie sogar ein blaues Auge bekommen. Der Lehrer hatte nur mit den Schultern gezuckt, es sei ein „harmloser Streit zwischen Kindern.“ Seitdem hatte sie gelernt, dass nichts sie schützen würde – außer ihre eigene Unauffälligkeit.
Die Schule war ein grauer Bau, kantig und monoton, ein Gebäude, bei dem man vergessen hatte, ihm eine Seele einzuhauchen. Drinnen roch es nach Reinigungsmitteln, altem Linoleum und diesen undefinierbaren Düften, die Schulflure immer begleiten: Schweiß, Teenager-Parfüm, nervöse Energie. Holly lief langsam durch den Korridor, bemerkte die Blicke einiger Mitschüler, die sie manchmal musterten wie ein merkwürdiges Ausstellungsstück. Sie setzte sich in ihren Klassenraum an den Fensterplatz, den sie fast immer hatte, weil niemand anders dort saß. Der Stuhl quietschte leise, in dem Moment, in dem sie sich darauf niederließ.
Draußen auf dem Schulhof sammelte sich eine Gruppe von Jungen, die Bälle kickten, zeitgleich standen ein paar Mädchen tuschelnd vor dem Eingang. Holly betrachtete ihr eigenes Spiegelbild in der Fensterscheibe: müde Augen, schwarze Haare, ein Gesicht, das sich hinter einer emotionalen Maske versteckte. Sie trommelte mit ihrem Bleistift gegen den Schreibblock, ein Rhythmus, der sie beruhigte.
Der Lehrer, Mr. Carter, betrat den Raum. Ein Mann mittleren Alters, mit schütterem Haar und tief liegenden Augen, hinter denen sich ein gutmütiger, erschöpfter Mensch verbarg. Er war nicht streng, aber aufmerksam war er ebenfalls nicht. Die Klasse nutzte das, um ständig zu reden, Zettel herumzuwerfen oder nicht zuzuhören. Holly war es egal. Ihr waren die Lehrer nicht wichtig. Solange niemand sie in den Mittelpunkt stellte.
Mr. Carter setzte dazu über ein Thema aus der amerikanischen Geschichte zu erzählen, etwas wo es um die sozialen Umbrüche des 20. Jahrhunderts handelte. Hollys Aufmerksamkeit driftete ab. Die Worte des Lehrers verschwammen zu einem monotonen Singsang. Sie fragte sich, ob dieser Tag genauso enden würde wie alle anderen. Ob sie wieder allein nach Hause begibt, in ihr Zimmer verschwindet, und sich dort in einen Tagtraum flüchten würde. Manchmal stellte sie sich vor, an einem neuen Ort zu sein – einer Welt, in der es Magie gab, etwas Unerklärliches, das ihr helfen würde, über ihren Schmerz hinwegzukommen. In ihren Gedanken sah sie dunkle Wälder, in deren Schatten seltsame Lichter tanzten. Fremde Zeichen, die auf alten Bäumen eingraviert waren, pulsierend wie Herzschläge. Es war ein Ort, der nur in ihrem Kopf existierte, eine Welt, die ihr manchmal Zuflucht bot.
Doch diese Fantasie war immer nur ein flüchtiger Trost.
Hollys Blick flackerte. Sie versuchte sich auf den Unterricht zu konzentrieren, auf einmal empfand sie ein seltsames Kribbeln im Nacken, ein leises Flüstern, das sie in letzter Zeit immer wieder bemerkte. Es schlich sich in ihre Gedanken, kaum hörbar, aber präsent.
„Holly…“
Das Flüstern kam erneut, und diesmal war es klarer. Ihre Finger hielten den Stift fester, in der Zeit in der sie den Kopf leicht drehte, um zu sehen, ob jemand in ihrer Nähe sprach. Aber die anderen Schüler waren in ihre Hefte vertieft, kritzelten oder flüsterten leise miteinander.
„Holly… hörst du mich?“ Die Stimme war melodisch und gleichzeitig herausfordernd, sie verlangte nichts Geringeres wie ihre volle Aufmerksamkeit. Sie merkte, wie ihr Herz schneller schlug. Das ist nicht normal. Es war… anders.
Sie schluckte schwer und zwang sich, den Blick nach vorne zu richten. Bildete sie sich das nur ein. Aber das Flüstern wurde lauter, fast fordernd.
„Hör auf, dich wie ein verschrecktes Kaninchen umzusehen“, sagte die Stimme auf einmal, scharf wie eine Klinge. „Ich bin in deinem Kopf, nicht hinter dir. Antworte endlich.“
Holly erstarrte, ihr Stift fiel aus der Hand und rollte über den Tisch. Sie warf einen verstohlenen Blick zu ihren Klassenkameraden. Niemand schien etwas bemerkt zu haben, nicht einmal Mr. Carter, der weiter über Protestbewegungen dozierte.
„Was… wer bist du?“, fragte sie, flatterhaft, ob die Stimme sie überhaupt hören könne.
„Ah, endlich. Sie nutzt die Macht ihrer Gedanken! Genau so, kleiner Stern.“ Die Stimme klang frech, fast amüsiert. „Ich bin Freya. Und bin hier, weil du mich brauchst.“
„Wer bist du?“ Holly wiederholte den Namen stumm in ihren Gedanken. Er kam ihr bekannt vor, wie ein Echo aus einer längst vergessenen Geschichte. „Warum bist du in meinem Kopf?“
„Weshalb?“ Freyas Lachen hallte in ihrem Geist wider, eine Mischung aus Hohn und alter Weisheit. „Weil du mich gerufen hast, ob es dir gefällt oder nicht. Glaubst du, das Medaillon um deinen Hals ist nur Schmuck?“
Hollys Hand fuhr unkontrolliert zu der Kette, die sie seit Jahren trug. Sie schien sich warm anzufühlen, fast lebendig. Sie war drauf und dran etwas zu sagen, doch Freya kam ihr zuvor.
„Hör zu, kleiner Stern. Du bist ein Gewirr. Ein wandelndes Durcheinander aus unterdrückter Magie und ungenutztem Potenzial. Und ohne mich wirst du nur weiter in diesem Chaos verloren sein.“
„Ich brauche dich nicht“, antwortete Holly trotzig, ihre Finger krampften sich um das Medaillon.
„Oh, ist das so?“ Freyas Ton wurde spöttisch. „Dann erkläre mir, weshalb du dich ständig wie eine Gefangene in deinem Leben fühlst. Warum du keine Kontrolle über das hast, was in dir schlummert.“
Holly biss die Zähne zusammen, ihre Wangen brannten vor Wut – oder vor Scham. Sie hätte Freya am liebsten ignoriert, doch die Stimme war hartnäckig.
„Du wirst mich nicht abschalten, kleiner Stern. Ich bin hier, um zu helfen – ob es gefällt oder nicht bleibt dir überlassen.“
Mr. Carter wandte sich an die Klasse, seine Augen suchten nach jemandem, den er auswählt. Holly wich seinem Blick aus, ihre Gedanken rasten.
„Warum ich?“, erwiderte sie, fast verzweifelt.
Freya schwieg für einen Moment, bevor sie mit ernster Stimme antwortete: „Weil du mehr bist, wie du dir je vorstellen wirst. Und durch diese Welt entweder verändert oder zerstört werden wirst. Ich bin hier, um sicherzustellen, dass es das Erste ist.“
Freya verstummte, in dem Moment in dem Mr. Carter auf einmal ihren Namen rief. „Holly?“
Sie zuckte zusammen. „Ja?“ Ihre Stimme zitterte, und sie bemerkte die Blicke ihrer Mitschüler auf sich gerichtet.
„Könnten Sie uns bitte erläutern, welche Rolle die Frauenbewegung in den 60er-Jahren spielte?“, fragte Mr. Carter, die Augenbrauen leicht hochgezogen.
Holly starrte ihn an, ihr Kopf war leer. Sie räusperte sich, bemerkte, wie Panik in ihr aufstieg, doch dann ertönte Freyas Stimme wieder.
„Sag, dass es der Beginn einer kulturellen Revolution war. Los, kleiner Stern.“
Holly zögerte nur kurz, bevor sie stammelte: „Es war… der Beginn einer Neuordnung der Zivilgesellschaft?“
Mr. Carter nickte. „Korrekt. Und wie genau hat sich das manifestiert?“
Freyas Stimme war wieder da, herausfordernd wie immer: „Sag, durch Proteste, Literatur und neue Gesetze. Ist doch leicht, oder?“
Holly wiederholte die Worte, und Mr. Carter schien zufrieden. Doch in ihrem Inneren tobte ein Sturm. Wer war diese Freya? Und was beabsichtigt sie?
„Ihr Blick wanderte über die Köpfe ihrer Mitschüler. Manche wirkten konzentriert, andere zeichneten in ihre Hefte oder starrten auf ihre Handys. Alles schien so normal – so weit entfernt von dem Chaos, das sie ständig in sich hatte. Sie fragte sich, ob jemand von ihnen je die Last mit sich getragen hatte, die sie trug.“
Eine Mitschülerin in der ersten Reihe – sie hieß, wenn Holly sich korrekt erinnerte, Claire oder Cheryl – meldete sich. Ein blondes, immer perfekt gekleidetes Mädchen, das stets Einsen schrieb und bei allen Lehrern beliebt war. Holly empfand diese Art von Schülerin unheimlich, weil sie selbst nie so mühelos funktionierte. Claire/Cheryl stellte eine Frage, und Mr. Carter beantwortete sie geduldig. Holly nahm das alles nur verschwommen wahr. Ihre Gedanken wanderten zurück zu ihrem Vater, in die wortlose, kalte Küche, zu dem Gefühl, dass etwas in ihrem Leben fehlte. Ihre Mutter. Sie vermisste ihre Nähe und Wärme sie würde so gerne mit ihr sprechen, ihre Stimme ein weiteres Mal hören. Mein Sternchen sagte sie immer zu ihr, wenn sie Holly in den Arm genommen hatte.
Hinter ihr kicherten zwei Jungen. Sie kannte sie vom Sehen – Jason und Mark, beide sportlich, sie waren von der Sorte, die gerne an Schwächeren ihre Launen ausließen. Sie erinnerten sich bestens an Hollys familiäre Situation. Vor allem einer von ihnen hatte einmal im vergangenen Jahr spöttisch gefragt, ob ihre Mutter sie verlassen hätte, weil sie zu langweilig sei. Das Gelächter in der Klasse hallte in Hollys Kopf nach. Sie hatte nichts gesagt, nur die Zähne zusammengebissen, bis ihr die Kiefer schmerzten.
Die Stunde zog sich endlos. Der Regen, der leicht gegen die Scheiben trommelte, passte zu ihrer Stimmung. Holly hoffte, der Tag würde ohne Zwischenfall vorbeigehen. Nicht handeln, keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. In der Mittagspause einen Platz hinter der Turnhalle finden, um einen Snack zu essen und dabei die Augen zu schließen.
Ein leises Klopfen an der Tür riss sie aus ihrer Trance. Mr. Carter unterbrach sich und richtete den Blick zur Tür. Holly bemerkte eine seltsame Spannung im Raum, ein rasches Verstummen der Hintergrundgeräusche. Ein neuer Schüler, überlegte sie, in dem Moment in dem Mr. Carter die Tür öffnete, denn wer sonst würde jetzt klopfen?
Ein junger Mann trat ein. Groß und schlank, mit blondem Haar, das unordentlich in seine Stirn fiel. Seine Kleidung war schlicht – Jeans, ein dunkles Shirt, eine Lederjacke – nichts Besonderes. Aber an ihm war etwas, das Holly sofort auffiel: eine gespannte Ruhe. Er wirkte, abwesend, unnahbar, geheimnisvoll.
„Das ist Sean“, sagte Mr. Carter. „Er ist neu an unserer Schule. Ich hoffe, ihr helft ihm, sich zurechtzufinden.“
Ein unterdrücktes Kichern raunte durch den Raum. Neue Mitschüler waren immer eine Attraktion. Manche der anderen kommentierten leise sein Aussehen, versuchten herauszufinden, ob er sich in ihr soziales Gefüge einfügen würde. Holly war der Meinung, ein flüchtiges Blitzen in seinen Augen zu sehen, es sah aus, wie wenn er jeden Einzelnen von ihnen musterte, um Informationen sammeln.
Sean nickte knapp, sagte aber nichts. Er wirkte nicht verlegen, eher kontrolliert. Holly bemerkte eine seltsame Neugier, in sich aufsteigen. Normalerweise beachtete sie die Neuen nicht. Wozu? Doch bei ihm war es anders. Weil er nicht nervös wirkte, nicht vorsichtig lächelte, um Anerkennung zu finden. Er setzte sich an einen freien Platz schräg vor ihr. In der Zeit, in der er sich niederließ, sah Holly im Fensterglas seine Spiegelung – und bemerkte, dass er sie kurz ansah. Nur ein Sekundenbruchteil, aber es war genug, um ihr Herz schneller schlagen zu lassen. Nicht aus romantischen Gefühlen oder so, sondern aus Verwirrung. Warum sah er sie an?
Den Rest der Stunde verbrachte Holly damit, Sean aus den Augenwinkeln zu beobachten. Er schrieb wenig mit, schien aber aufmerksam. Es wirkte, wie wenn er wüsste, was gesprochen wurde. Oder es ihn nur am Rande interessiere. Gelegentlich schaute er ins Leere, es erzeugte den Eindruck, dass er versuchen würde, durch die Wand hindurchzusehen.
Die Schulglocke beendete die Stunde. Ein Murmeln raunte durch den Klassenraum, Stühle scharrten, Bücher wurden eingepackt. Holly ließ sich Zeit, ihr war es lieber, zu warten, bis der Raum sich etwas geleert hatte. Ihr waren diese kurzen Übergangsmomente angenehm, in denen niemand sie ansah. Doch zu der Zeit, zu der sie aufstand, bemerkte sie wieder diesen Blick. Sean sah sie an. Nicht herausfordernd oder abschätzig, sondern friedlich, er schien etwas in ihrem Gesicht lesen zu suchen.
Holly wich seinem Blick aus, ihr wurde heiß unter den Wangen. Sie verstand nicht, was er zu finden vorhatte. Womöglich musterte er nur alle, um sich ein Bild von der Klasse zu erarbeiten. Gegebenenfalls hatte sie sich den Blick nur eingebildet. Sie schlängelte sich an den Tischen entlang, bemerkte, wie Jason und Mark einen halben Schritt zur Seite traten, in dem Moment, in dem sie vorbeiging, sie strebten an, ihre Anwesenheit zu kommentieren. Sie hörte leises Kichern, doch sie ignorierte es.
Auf dem Flur atmete sie durch. Ein langer Tag würde folgen. Etliche Stunden Unterricht, die Mittagspause, in der sie vermutlich wieder versuchen würde, sich zu verkriechen, um nicht Ziel von Spott zu werden. Doch die Anwesenheit dieses neuen Schülers, Sean, ließ ihr keine Ruhe. Ihr Kopf war voller Fragen. Wieso schien er so… anders?
In den nächsten Stunden – Englisch, Mathematik, Biologie – löste sich ihre anfängliche Neugier in ein ständiges, dumpfes Hintergrundrauschen auf. Sie konzentrierte sich kaum auf den Unterricht, war aber daran gewöhnt, unterhalb des Radars zu fliegen. Die Lehrer stellten sie selten in den Mittelpunkt. In Mathe rechnete sie mechanisch die Aufgaben im Buch durch, ohne darüber nachzudenken. In Biologie hörte sie Halbsätze über die Zellteilung, wo sie aus dem Fenster starrte. Die Welt dort im freien war nicht besser wie die in der Schule, aber sie bot mehr Raum für ihre Fantasie.
In der Pause, in dem Moment in dem Klassenkameraden nach draußen strömten, bemerkte Holly eine unangenehme Spannung. Sie hielt es für erforderlich sich hinaus zu begeben, etwas frische Luft schnappen, doch sie war sich im Klaren, dass der Schulhof ein gefährliches Pflaster für sie war. Manche ihrer Mitschüler schienen förmlich darauf zu warten, dass sie sich zeigte, um sie zu necken oder ihr etwas Unangenehmes anzutun. Sie war einmal mit Graffiti beschmiert worden, ein anderes Mal hatte man ihr den Rucksack weggenommen und über einen Zaun geworfen. Manchmal war das Mobbing subtiler: Blicke, Geflüster, ein leises Lachen, wenn sie vorbeiging. All das nagte an ihr, zog sie tiefer in den Sumpf aus Minderwertigkeitsgefühlen, in dem sie feststeckte.
Sie stand etwas abseits, nahe dem Fahrradständer, wo kaum jemand herumhing. Der Himmel war wolkenverhangen, und es nieselte fein. Holly zog ihre Jacke enger um sich und atmete den feuchten Duft ein, der ein Hauch von Erde und nassem Gras enthielt. Sie versuchte, etwas Erbauliches im Kopf zu haben. An ein Leben nach der Schule, in dem sie wegziehen würde, irgendwohin, wo niemand sie kannte. Aber das schien eine ferne Illusion.
In diesem Moment sah sie aus dem Augenwinkel Bewegungen. Einige ihrer Mitschüler kamen näher, eine Gruppe, die sie schon kannte. Zwei Jungen und ein Mädchen, alle mit dieser Art von kaltblütiger Arroganz, die es immer dort gab, wo Erwachsene nicht hinsahen. Ihr Herz schlug schneller. Sie kannte die Szene, die sich abspielen würde, bevor sie ein Wort sagten. Womöglich könnten sie sie „Waisenmädchen“ nennen, gegebenenfalls stehlen sie ihr ihre Bücher oder stellten ihr ein Bein. Sie zog sich einen Schritt zurück, doch da war schon der Rücken eines Jungen hinter ihr – Jason. Er grinste breit.
„Na, Holly“, legte er los, „wieder allein unterwegs?“ Seine Stimme tropfte vor gespielter Freundlichkeit. „Oder wartest du auf jemanden? Ach, stimmt ja, da ist ja niemand, der auf dich wartet.“
Sie biss die Zähne zusammen. Sie hätte am liebsten geschrien, weggelaufen, irgendetwas erwidern, aber sie war wie gelähmt. Das Mädchen in der Gruppe – Lauren hieß sie, wenn Holly sich nicht täuschte – tätschelte mitleidig Hollys Schulter. „Armes Kind“, sagte sie mit übertriebener Sanftheit. „Womöglich kaufst du dir Freunde, dann hast du wenigstens jemanden.“
Ein Junge hob die Hand, er hatte den Plan, Holly gleich zu schlagen oder zu schubsen. Ein Reflex in ihr ließ sie die Augen zusammenkneifen, sich wegducken.
Auf einmal hörte sie eine Stimme, still, aber fest: „Hast du nix Besseres zu erledigen?“
Holly öffnete die Augen. Sean stand da. Wie aus dem Nichts war er aufgetaucht. Er ergriff die erhobene Hand des Jungen mit einer schnellen, präzisen Bewegung und hielt sie fest, ohne große Anstrengung. Die anderen sahen ihn an, überrascht und verunsichert. Holly bemerkte ein wildes Pochen in ihrer Brust. „Lasst sie in Ruhe“, sagte Sean entspannt. Warum befasste er sich damit? Er kannte sie nicht. Er riskierte dadurch, selbst zur Zielscheibe zu werden.
Die Gruppe trat einen Schritt zurück. Sean sagte nichts weiter, er stand da, die Hände locker in den Taschen, doch seine Haltung strahlte eine seltsame Autorität aus. Nach einem Moment murmelten die anderen etwas Unverständliches und zogen sich zurück. Ein verärgerter Blick hier, ein zischender Fluch dort, aber letztlich gaben sie auf. Holly atmete zitternd aus, ihr wurde bewusst, dass sie die ganze Zeit die Luft angehalten hatte.
Sean beugte sich herunter, um die Bücher aufzuheben, die Holly hatte fallen lassen, ohne es zu merken. Sie starrte ihn an, versuchte, Worte zu finden. „Danke“, flüsterte sie, kaum hörbar.
Er reichte ihr die Bücher, überprüfte kurz, ob sie in Ordnung waren. „Alles ok“, sprach er leise. Seine Stimme klang nicht kalt, eher sachlich, sogar ein Hauch von Mitgefühl darin. „Pass besser auf dich auf“, sagte Sean, „Ja… das werde ich.“ Murmelte Holly. Sie stellte fest, wie ihre Wangen heiß wurden.
Hollys Gedanken rasten. Warum hatte er ihr geholfen? Auf was war er aus? Sie nahm ihre Verunsicherung wahr, aber ebenfalls bemerkte sie eine seltsame Erleichterung. Seit Jahren war keiner für sie eingetreten, niemand hatte sich zwischen sie und die Leute gestellt, die sie quälten. Sean aber hatte etwas unternommen, ohne zu zögern. Er war neu, kannte nicht einen an der Schule. Dadurch wurde die ganze Sache erst recht rätselhafter.
Der Regen nahm etwas zu, kleine Tropfen benetzten Hollys Haare. Sean schaute zum Schulgebäude zurück. „Komm, die Pause ist gleich um“, sagte er gelassen. Sie nickte nur, unfähig, irgendetwas Klügeres zu sagen, und folgte ihm dann ins Trockene.
Zu der Zeit, zu der sie den Flur betraten, bemerkte Holly, wie etwas in ihr weicher wurde. Ein kleines, warmes Gefühl, eine Art Funken, der sich in ihrer sonst so kalten, leeren Brust bemerkbar zeigte. Sie begriff nicht, was es bedeutete. Doch zum ersten Mal seit langer Zeit schien es, das die Dunkelheit, die sie umgab, einen winzigen Riss bekommen hat – ein Spalt, durch den ein Funken Licht eindrang.
Und in dem Moment, in dem sie hinter Sean herging, fragte sie sich, wer er war, dieser Junge, der im Gegensatz zu allen anderen nicht wegsah, nicht lachte, sondern eingriff. Sie war weit davon entfernt, ihm zu vertrauen. Aber sie war voller Neugier. Und das war schon eine positive Entwicklung, sie empfand heute mehr wie an den meisten Tagen.
So endete die erste Hälfte ihres Schultags. Mit einigen Fragen ohne Hoffnung auf Antworten, aber mit einem seltsamen Gefühl von Hoffnungsfunken, das sie nicht einmal gekannt hatte, ihr war nicht klar, dass es in ihr existierte.
Die folgenden Stunden des Schultags verstrichen für Holly in einer merkwürdigen Mischung aus Unbehagen und Neugier. Nachdem sie nach Seans Eingreifen wieder ins Gebäude getreten war, hatte sie das Gefühl, sie liefe durch ein schmaler werdendes Labyrinth. Jeden Moment erwartete sie, dass die Mitschüler, die sie vorhin schikaniert hatten, erneut auftauchten – doch sie blieben fern. Womöglich hatten sie nach Seans Eingriff vorerst genug. Oder sie planten etwas für später. In der Welt von Holly war Misstrauen überlebenswichtig.
Sie streifte langsam durch den Flur, die Bücher eng an ihre Brust gepresst. Die Schulglocke kündigte die nächste Unterrichtsstunde an. Amerikanische Literatur stand auf dem Plan. Normalerweise war Holly in diesem Fach halbwegs sicher; sie las gern, obwohl sie dabei selten abschaltete. Aber heute wühlte etwas in ihr. Die Begegnung mit Sean. Sein wortloses Eingreifen, er vermochte genau, im richtigen Moment zu handeln, wo es nötig war, ohne groß nachzudenken.
Im Literaturraum – ein heller Klassenraum mit hohen Fenstern, durch die der Regen in matten Schlieren lief – nahm sie ihren gewohnten Platz am Rand ein. Die Lehrerin, Ms. Donovan, war eine friedliche, sanfte Frau mit grauen Strähnen im kastanienbraunen Haar. Sie trug eine Runde Brille auf der Nase und hatte eine Stimme, die an einen warmen Sommerabend erinnerte. Heute las die Klasse Auszüge aus „Die Einkünfte des Zorns“, einem Roman, der von Not, Flucht und der Suche nach einem besseren Leben erzählte. Holly blätterte mechanisch in ihrem Buch, und ihre Gedanken glitten ab.
Das Wort „Flucht“ hallte in ihr nach. Nicht dadurch das sie sich insbesondere für die Thematik des Romans begeistert, sondern weil sie selbst oft den Wunsch hatte, zu fliehen. Weg von Minnesota, weg von der Kälte in ihrem eigenen Zuhause, weg von den Mienen der Mitschüler. Aber abzuhauen, war nicht so leicht. Wer würde sie aufnehmen? Und wohin würde sie flüchten, ohne Geld oder Unterstützung?
Ihre Mutter hatte sie verlassen, wo sie klein war. Die wenigen Erinnerungen an sie waren so verschwommen, dass sie sich manchmal fragte, ob sie sie erfunden hatte. Doch seit sie diesen merkwürdigen Brief auf der Beerdigung ihrer Mutter erhalten hatte – den sie seitdem immer in ihrer Schultasche mit sich trug – war für sie alles anders. Elise schrieb von dem Haus, das sie ihr hinterlassen hat, ein Schlüssel, den sie bekommen hat, ohne Hinweise, wofür er genutzt wird, dann waren da Andeutungen auf ein Geheimnis und das leere Tagebuch ihrer Mutter. Und jetzt dieser fremde Junge, Sean, der sich für sie einsetzte, ohne die übliche Herablassung.
Hollys Blick schweifte durch den Raum, blieb an der Gestalt hängen, die jetzt am anderen Ende des Klassenraums saß. Sean hatte Platz genommen, ohne Aufsehen zu erregen. Er sah aus dem Fenster, die Geschichte im Buch fesselte ihn nicht. Oder er kannte sie auswendig. Ab und zu schauten andere Schüler zu ihm. Neue lockten immer Neugier und Gerüchte an. Bis jetzt hatte er niemanden näher an sich herangelassen. Sie fragte sich, ob er ebenfalls vor irgendetwas floh, ob er etwas suchte.
Die Stunde zog sich, doch sie nahm diesmal ein wenig am Unterricht teil – um ihre kreisenden Gedanken zu bändigen. Sie beantwortete eine Frage zur Charakterentwicklung im Roman, zwar leise und zögerlich, aber sie war nicht untätig. Ms. Donovan nickte zufrieden, sie sich freute sich, dass sie überhaupt etwas sagte. Das war selten genug. Holly kam sich vor, wie wenn sie eine Tür einen winzigen Spalt öffnet, nur um sie gleich wieder zu schließen.
Der Nachmittag näherte sich seinem Ende. Die Schulglocke läutete endlich den Schluss des Tages ein, und die Schüler schoben sich in Richtung Spinde und Ausgänge. Holly verließ den Klassenraum bewusst etwas später. Sie hasste es, in der Masse getrieben zu werden, empfand sich dann wie ein fremdes Objekt, das keiner liebte. Zu der Zeit zu der sie hinaus auf den Flur trat, war die Strömung abgeebbt, die meisten waren auf dem Weg in ihr Trautes heim oder zum Footballplatz.
Sean lehnte an einer Wand, die Hände in den Taschen. Sein Blick glitt über die Vorbeihastenden, er musterte sie und schien etwas zu suchen. „Du bist hier, um sie zu beschützen, nicht um dich einzumischen“, murmelte er leise zu sich selbst. Der Auftrag des Untergrunds war klar: Beobachten. Schützen. Eingreifen nur im äußersten Notfall. Doch Holly wirkte so verloren, so verletzlich. Es fiel ihm schwer, sich zurückzuhalten. Seans Gedanken wanderten zurück zu ihrer Mutter. Elise hatte ihm einmal das Leben gerettet, und inzwischen war es an ihm, ihrer Tochter zu helfen. Holly schien nichts von der Welt, die unter der Oberfläche ihrer Realität lauerte zu wissen. Und es ist notwendig, dass es so bleibt – zumindest vorerst. In dem Moment in dem Holly ihn bemerkte, verschlug es ihr den Atem. Er stand da und wartete auf sie, es wirkte zugegebenermaßen so. Oder täuschte sie sich?
An sich zweifelnd schritt sie an ihm vorbei, langsam, um abzuwarten, ob er sie ansprechen würde. Und wo sie fast auf seiner Höhe war, hob er den Kopf. „Hey“, sagte er leise, „alles in Ordnung?“
Sie blieb stehen, etwas zu nah an ihm, wie sie fand, aber zurückzuweichen hätte seltsam gewirkt. „Ja“, murmelte sie und senkte den Blick. Ihre Stimme klang brüchiger, wie ihr lieb war.
„Freut mich“, sagte Sean. Einen Moment schwiegen sie, in der Zeit zogen ein paar Schüler an ihnen vorbei, diese tuschelten, aber liefen dann weiter. Keine Kommentare, zumindest nicht laut. „Entschuldige, wenn du dich vorhin erschreckt hast. Ich hatte nur gesehen, dass du Hilfe brauchst.“
Holly räusperte sich. Sie war verunsichert, ob sie imstande ist ein solches Gespräch zu führen. „Ich war nicht erschrocken, eher… überrascht.“ Sie hob den Blick, traute sich, seine Augen kurz zu treffen. Da war wieder dieses seltsame Gefühl. Er schien etwas zu wissen über sie, dass sie selbst nicht kannte. „Danke, dass du eingegriffen hast.“ Die Worte kamen leise, aber ehrlich.
Er zog die Schultern ein wenig hoch. „Das war nichts Besonderes. Es gefällt mir nicht, wenn Leute auf Schwächere losgehen.“
Holly zuckte innerlich zusammen, doch sie schluckte den Hochmut hinunter. Es war die Wahrheit: Sie ist in dieser Situation machtlos aufgetreten.
„Du bist neu hier, oder?“ versuchte sie, das Gespräch auf etwas Harmloseres zu lenken. „Woher kommst du?“
Sean verzögerte eine Antwort um ein paar Herzschläge. „Aus weit weg“, sagte er dann ausweichend und lächelte dezent, er deutete damit an, dass sie nicht nachfragen solle. „Sagen wir, ich habe öfter die Schule gewechselt.“
Holly nickte langsam. Sie kannte das Spiel. Geheimnisse. Fast jeder hier trug welche mit sich herum, sie selbst am allermeisten. Sie war nicht in der Position ihn zu drängen. „Danke, dass du geholfen hast.“
„Klar.“ Sein Blick schweifte über den Flur. „Wohin gehst du jetzt?“
Hollys Magen zog sich zusammen. Sie hasste diese Frage. Es ist ja nicht so, dass ich die große Wahl hätte. Heim, in eine Bude voller Stille und Bitterkeit. „Nach Hause“, sagte sie knapp.
„Ich ebenfalls.“ Er stieß sich von der Wand ab. „Womöglich sieht man sich morgen.“
„Ja, unter Umständen ist es so.“ Sie lächelte scheu, ein seltenes Lächeln, das sich anfühlte, wie ein vergessenes Musikinstrument nach Jahren wieder in die Hand zu nehmen. Dann wandte sie sich ab und lief den Flur entlang.
Draußen war der Regen inzwischen in niesel übergegangen. Holly schaute sich nicht um. Sie hatte Angst, er würde in ihren Augen zu viele Zweifel sehen. Oder sie in seinen Blick etwas erkennen, dass sie nicht verstand.
Zu Hause empfing sie dieselbe Leere wie immer. Der Fernseher lief, aber ihr Vater war nicht im Wohnzimmer. Ein halb volles Glas gefüllt mit Whiskey stand auf dem Couchtisch, daneben ein Aschenbecher. Holly schluckte. Wenn er heute schon am frühen Abend trank, bedeutete das selten etwas Positives.
Sie hängte ihre Jacke auf, trat vorsichtig in den Flur. Die Luft roch abgestanden, nach Rauch und billigem Alkohol. Aus der Küche hörte sie leise Musik. Ihr Vater wartete dort auf sie, die Hände um eine Tasse Kaffee geschlossen. „Du bist spät dran“, sagte er beiläufig, doch sein Blick war streng. Holly zuckte die Schultern. „Ich war in der Bibliothek“, log sie. Er nickte, aber sein Schweigen sprach Bände. Sie unterdrückte den Drang, etwas zu sagen.
Er drehte sich um, mit glasigen Augen. Er starrte auf ihre Tasche. „Hast du Hausaufgaben auf? Wenn ja, dann gehe hoch und mach sie jetzt, sei nicht so faul!“ Seine Stimme war hämisch, absichtlich verletzend.
Holly versteifte sich. Er ist mal wieder in Rage, so war es oft. War es jemals anders? Sie hatte zwar versucht, ihn zu belügen, aber wie fiel es ihrem Vater so leicht, sie zu durchschauen, wenn sie log, es ist schon gruselig, wie bewusst er sie beobachtete bei Gesprächen. Er hatte nichts gesagt, doch sein Schweigen war oft gefährlicher wie seine Worte. Sie schluckte trocken. „Ich gehe sofort hoch in mein Zimmer und werde die Hausaufgaben erledigen.“
Sein Blick war hart. „Seltsam. Warum ausgerechnet jetzt?“ Er trat einen Schritt auf sie zu. „Ich verlange, dass du dir Mühe gibst. Wenn du fertig bist, wirst du sie mir zeigen. Ich werde sie kontrollieren, damit du nicht wieder am Schlampen bist. Ich werde mir keine Beschwerden mehr von den Lehrern anhören wegen deiner mangelnden Beteiligung im Unterricht.“
Holly bemerkte Wut in sich aufsteigen. Warum gönnte er ihr nicht wenigstens etwas Ruhe, nach der Schule. War der Tag nicht anstrengend genug? „Sicher, ich werde runterkommen, wenn ich fertig bin.“ Doch ihre Stimme zitterte leicht.
Er runzelte die Stirn und musterte sie, er traf die Entscheidung, ihr zu vertrauen. „Verstehe. Ich werde warten.“
Er wandte sich ab, nahm sein Glas und starrte auf die Flasche in seiner Hand. Holly bemerkte, wie ihre Schultern nach unten sanken. Sie fragte sich, weshalb er sie ständig kontrollierte. Sie hätte ihn gerne gefragt, warum er so erdrückend war, ob er jemals versucht hatte, normal zu sein. Doch sie kannte die Antwort. Er war schon immer so. Ihr Vater ist nicht wie jeder andere.
Sie lief wortlos in ihr Zimmer und schloss die Tür. Ihr kleines Reich war wie eine Zelle. Das Bett, der Schreibtisch, die Poster. Hier war sie sicher, aber ebenfalls gefangen. Sie ließ sich auf den Schreibtischstuhl fallen, holte den Brief ihrer Mutter heraus. Das Kuvert war etwas abgegriffen, weil sie es immer wieder in der Hand gehalten hatte. Darin stand nur die Adresse des Hauses, einige kryptische Hinweise und der Verweis auf ein Schließfach. In ihrer Tasche raschelte ebenfalls Folie, von einem Snack aus einem Automaten, den sie in der Pause gegessen hatte, weil sie am Morgen nichts zu essen mitgenommen hatte. Ein Mysterium, das laut dem Brief in dem Haus, das ihre Mutter ihr hinterlassen hat, verborgen liegt. Sie wird herausfinden, was es ist, welches Geheimnis dort zu finden ist. Vermutlich war es nicht mal etwas Besonderes.
Holly Gedanken wanderten zu Sean. Er hatte gesagt, er habe oft die Schule gewechselt. Hatte er damit gemeint, er komme von weit her? Womöglich war er imstande ihr zu helfen. Er hat heute so nett gewirkt. Sie lachte kurz über ihre eigene Absurdität. Welchen Grund hätte Sean ihr beizustehen?
Doch dann fiel ihr ein, dass er ihr geholfen hatte, ohne sie zu kennen. Womöglich war er ein Mensch, der gerne half. Oder jemand, der besser im Bilde war über ihre Situation, wie ihr lieb war?
Ein leises Klopfen an der Tür ihres Zimmers ließ sie zusammenfahren. Ihr Vater? Unwahrscheinlich, er klopfte selten. Sie stand auf und öffnete vorsichtig. Niemand war da. Nur die Stille des Flurs. Ein Kratzen, ein Geräusch, das wie ein Hauch von Wind klang, huschte an ihr vorbei. Sie schüttelte den Kopf und schloss die Tür. Ihre Nerven lagen blank.
Am Abend saß Holly an ihrem Schreibtisch, erneut den Brief ihrer Mutter vor sich. Sie las die Worte immer wieder, doch sie schienen keine neuen Antworten zu geben. „Ein Haus, ein Schlüssel, ein Buch, ein Schließfach… aber warum?“, flüsterte sie leise.
Zur selben Zeit saß Sean in einer schummrigen Ecke eines kleinen Cafés. Vor ihm lag ein Smartphone, auf dem eine Nachricht blinkte: „Bericht erstatten. Status: Sicher?“ Er schnaubte leise und antwortete: „Safe. Keine Auffälligkeiten.“
Doch das stimmte nicht vollkommen. Holly war anders, das hatte er sofort gesehen. Sie hatte eine Präsenz, die ihn nicht losließ. Sie war mehr wie ein Auftrag. Obwohl es ihm nicht gefiel.
Später am Abend, das Haus wurde in Dunkelheit gehüllt, es brannte nur das dezente Licht aus dem Büro von Hollys Vater das den Flur erhellte, er saß allein am Schreibtisch. Holly war längst in ihrem Zimmer eingeschlafen, und die Stille des Hauses drückte schwer auf seinen Schultern.
Die Whiskeyflasche auf seinem Tisch war halb leer, und das Glas in seiner Hand wärmte sich langsam durch die Körperwärme. Er hatte den Fernseher leise laufen, aber die Bilder und Stimmen trieben an ihm vorbei, unbemerkt, unbedeutend. Seine Gedanken waren woanders – bei Elise.
Seine Hand wanderte wie von selbst zur obersten Schublade seines Schreibtisches. Er öffnete sie und stockte kurz. Tief in der Ecke lag das Portemonnaie, das er so selten anrührte. Er holte es heraus, faltete es langsam auf und zog das kleine, verblichene Foto hervor.
Das Bild zeigte Elise mit Holly auf dem Arm. Ihr Lächeln war warm, ihre Augen sprühten vor Glück. Die kleine war kaum ein Jahr alt, und seine geliebte Frau hatte dieses unvorstellbare Leuchten, das sie immer dann hatte, wenn sie vollkommen glücklich war.
Sein Daumen strich über das Foto, verharrte an Elise Gesicht. Sie war so lebendig damals, so voller Energie und Wärme. Und er hatte sie verraten.
Er schloss die Augen und atmete tief durch, aber es half nichts. Das Bild, die Erinnerung, sie alle kehrten zurück, quälend klar. Der Kristall, den er vor Jahren aus ihrem alten Zuhause mitgenommen hatte, hing an einem Haken neben seinem Bett. Niemand würde je davon erfahren, nicht einmal Holly. Es war sein einziges greifbares Erinnerungsstück an Elise. Manchmal wenn er nicht einschlief, sah er den Regenbogen, den das Licht des Mondes durch den Kristall warf, und fragte sich, ob sie ihm jemals vergeben wird.
Doch dann kamen die Gedanken an Holly. Seine geliebte Tochter war alles, was ihm von Elise geblieben ist. Und er hatte geschworen sie zu beschützen, koste es, was es wolle. Aber wie bietet er ihr die nötige Sicherheit, er hatte selbst so versagt? Wenn er derjenige war, der seine Ehefrau in die Arme der Organisation getrieben hatte?
„Ich habe dich verraten, Elise“, flüsterte er, in der Zeit in der er das Bild zurück in das Portemonnaie legte. Seine Stimme brach, und ein Schluchzen entglitt sich seiner Kehle. „Und jetzt, verliere ich hoffentlich Holly nicht wegen meiner eigenen Dummheit.“
Er legte das Geldbeutel zurück, verschloss die Schublade und leerte sein Glas. Der Alkohol brannte in seiner Kehle, aber es war ein vertrauter Schmerz, einer, den er zu ertragen vermochte. Anders wie die Schuld, die ihn jede Nacht heimsuchte.
Am nächsten Morgen war Hollys Stimmung nicht optimistisch. Ihr Vater lag im Bett, zu der Zeit, zu der sie das Haus verließ. Kein Wort von ihm, dabei hätte sie sich gewünscht, dass er ihr Mal sagt, ich hab dich lieb, nicht eine Geste des Abschieds, er umarmte sie nicht nur die beklemmende Leere wie fast jeden Morgen. Der Himmel war klarer wie am Vortag, und die Morgensonne schaffte es, ein paar goldene Strahlen auf die nassen Straßen zu werfen. Holly war innerlich leer. Sie fragte sich, warum sie sich überhaupt zur Schule schleppte. Gab es einen Sinn darin, sich jeden Tag durch diese Hölle zu schleppen?
Doch sie quälte sich weiter, begleitet von den gedämpften Geräuschen der erwachenden Stadt. Ein Bus röhrte in der Ferne, ein Hund bellte, und an irgendeiner Stelle klapperten Mülltonnen. Die Tragödie des Lebens erschien ihr sinnlos und dennoch kämpfte sie jeden Tag weiter und gab nicht auf.
Sie blieb an einer Straßenecke kurz stehen, ihr Blick fiel auf ein seltsames Symbol, das jemand mit Kreide auf die Wand eines verlassenen Gebäudes gemalt hatte. Es sah aus wie eine Mischung aus einem Blitz und Flammen in einem Kreis eingefasst, um diesen stand geschrieben, THE COVENANT PURGATIO AETERNUM sie betrachtete es, ein eigenartiges Kribbeln im Nacken brach aus. Doch dann schüttelte sie den Kopf. „Nur ein hohler Streich“, murmelte sie zu sich selbst und lief weiter.
Auf dem Schulhof angekommen, hielt sie wieder Abstand zu den Gruppen. Sie versuchte, Sean nicht zu suchen, aber ihre Augen schweiften dennoch umher. War er schon da? Und wenn ja, würde er sie wieder ansprechen?
Er tauchte gegen Ende der ersten Pause auf. Er kam aus einer dunklen Ecke, es wirkte, wie der Versuch sich zu verstecken, um nicht mit der Masse der Schüler zusammenzustoßen. In dem Moment, in dem er sie sah, nickte er ihr kurz zu und trat näher. „Morgen.“
„Hallo.“ Holly umschloss ihren Riemen der Schultasche, sie war nicht sicher, wie man reagiert.
Sean schaute in den wolkenverhangenen Himmel. „Glaubst du an Zufälle, Holly?“
Die Frage traf sie unvorbereitet. „Was meinst du?“
Er lächelte schmal. „Manchmal passieren Sachen, von denen man annimmt, sie sind reiner Zufall. Aber oft steckt mehr dahinter.“ Er schaute sie an, und in seinen Augen glomm etwas Unergründliches. „Gestern… ich habe dich nie zuvor gesehen, und doch hatte ich das Gefühl, genau am richtigen Ort zu sein, in dem Moment, indem du Hilfe brauchtest.“
Holly wich einen halben Schritt zurück. Diese Worte verunsicherten sie. „Du bist ein bisschen unheimlich, weißt du?“
Er lachte leise, ein trockener Laut. „Verzeihung, das ist nicht meine Absicht. Ich freu mich das du, wohlauf bist.“
Holly musterte ihn. Er schien selbst nicht sicher, was er zu sagen imstande war. Sie wechselte das Thema. „Hast du…“ Sie stockte, wie frage ich am besten? „Hast du womöglich Lust, mir bei etwas zu helfen?“ Es klang absurd, aber sie kannte sonst niemanden, der seine Hilfe anbieten würde.
Sein Blick war leicht überrascht. „Wobei? Wenn ich dir zur Seite stehe, gefiele es mir, zu wissen, worum es sich handelt.“ Er zuckte mit den Schultern. „Warum fragst du?“
Holly war verunsichert, ob er ihr wohlgesonnen ist. Aber irgendetwas an ihm flößte ihr Vertrauen ein. Gleichzeitig fürchtete sie, ihr Vater würde es erfahren oder dass sie sich in eine Sache verstrickte, von der sie lieber die Finger gelassen hätte. „Nur so… ich bin auf der Suche nach Antworten. Es handelt sich um einen Schlüssel, von dem ich nicht sicher bin, wofür er ist und ein Tagebuch das leer ist und ein Schließfach ebenfalls um ein paar kryptische Hinweise, die meine Mutter mir hinterlassen hat. Ich bin nicht sicher.“
Er nickte, wie wenn das nichts Ungewöhnliches. „Ich schau es mir gerne an.“
Holly schluckte. War sie bereit, ihn so nah an ihr Geheimnis heranzulassen? „Das ist lieb, Danke“, sagte sie vorsichtig. „Ich freu mich.“
Doch bevor sie weiterzusprechen vermochte, läutete die Glocke, und die Schüler strömten wieder ins Gebäude. Sean verschwand in der Menge, aber nicht ohne ihr einen aufmunternden Blick zuzuwerfen. Holly blieb kurz stehen, atmete durch. Geschafft. War sie so mutig ihn außerhalb der Schule zu treffen, und was war seine Motivation bei dem Ganzen? Und warum war Sean so hilfsbereit? Ihre Mutter hatte in dem Brief erwähnt, dass sie Vorsicht für notwendig hielt und Vertrauen oft ausgenutzt wird.
Doch war es so, wie sie schrieb? Holly verlor sich in Gedanken. Ein Vater, der sie ignorierte, eine Mutter, die verschwunden war und dann ohne Abschied gestorben, ein geerbtes Haus, ein leeres Buch und ein Junge, der auftauchte, wo sie Schutz brauchte?
Der Rest des Schultages verlief still. Niemand wagte es, Holly offen zu schikanieren. Sie bemerkte immer wieder Blicke in ihrem Rücken, hörte hier und dort ein Kichern, doch es war weniger aggressiv. Womöglich lag es an Sean, unter Umständen hatte seine selbstverständliche Intervention Eindruck hinterlassen.
In der Mittagspause suchte sie einen abgelegenen Platz in der Bibliothek auf – ein Ort, den die meisten Schüler mieden, außer denen, die lernen oder planten abzuschreiben. Zwischen hohen Regalen, die nach alten Papierfaserstoffen rochen, setzte sie sich auf einen Sessel. Sie holte den Brief hervor und las ihn erneut. Darin stand, dass das Haus, das ihre Mutter ihr vermacht hatte, der Schlüssel zu einem verborgenen Erbe war, welches, Holly bislang nicht zu verstehen imstande war. Das Buch, das sie ihr hinterlassen hatte, etwas Besonderes wäre, und nur wer den Mut habe, sich den Rätseln zu stellen, könne das Medaillon öffnen, dass ihre Mutter ihr einst umgelegt hatte.
Hollys Hand fuhr unkontrolliert zu ihrem Hals, wo dieses war, verborgen unter ihrem Pullover. Sie hatte es seit Jahren nicht abgenommen, es war ein Teil ihres Alltags. Sie erinnerte sich vage daran, dass ihre Mutter es ihr geschenkt hat, bevor sie verschwand – zumindest erzählte sie sich das. Sie hatte keine Erinnerung an die Nacht ihrer Kindheit, in der dies geschehen war. Nur ein vages Gefühl von Wärme, ein Duft von frischem Gras, eine flüchtige Berührung.
In ihrem Kopf formte sich, eine wage Idee. Wenn Sean ihr helfen würde – wie er behauptete – würde sie ihm zumindest einen Blick auf das Buch erlauben, und den Schlüssel zeigen. Ihr war bewusst, dass dies riskant ist. Aber sie erlaubte es sich nicht mehr, allein im Dunkeln zu tappen.