Alles? Wie kann er alles über mich wissen wollen? Sonja fühlte sich, als hätte Max ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. „Haben Sie jemals daran gedacht, dass es jemanden geben könnte, der Sie so mag, wie Sie wirklich sind?“ Fuhr er fort. Seine Worte hatten etwas in ihr ausgelöst, dass sie nicht einordnen konnte. Sie war es gewohnt, sich zu schützen, niemanden wirklich nah an sich heranzulassen. Doch Max schien eine Lücke in ihrer Fassade gefunden zu haben.

„Ich… muss zurück an die Arbeit,“ murmelte sie und stand abrupt auf. Sie drehte sich um und ging schnellen Schrittes davon, ohne zu wissen, ob Max ihr nachsah oder nicht.

Versteckt in der Küche fühlte Sonja, wie ihr Herz noch immer schneller schlug. Sie stützte sich kurz mit beiden Händen auf die Theke und atmete tief durch. Sie hatte schon viele Gäste erlebt – charmante, neugierige, aufdringliche –, doch Max war anders. Er stellte keine oberflächlichen Fragen, er versuchte nicht, sie zu beeindrucken. Stattdessen schien er wirklich verstehen zu wollen, wer sie war.

Aber warum? Was wollte er wirklich?

„Alles in Ordnung, Sonja?“ fragte Clara, ihre Kollegin, die mit einem Tablett hereinkam.

„Ja,“ log Sonja schnell und richtete sich auf. „Nur ein langer Abend.“

Clara nickte, wirkte aber nicht überzeugt. „Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen. Willst du nicht eine kurze Pause machen?“

„Ich bin okay,“ antwortete Sonja und zwang sich zu einem Lächeln. „Danke, Clara.“

Doch selbst als sie wieder in den Gastraum ging und sich mit routinierten Bewegungen um die Gäste kümmerte, schaffte sie es nicht, Max’ Worte aus ihrem Kopf zu verbannen.

Max hingegen blieb noch eine Weile an seinem Tisch sitzen. Sein leeres Weinglas stand vor ihm, doch seine Gedanken waren alles andere als leer. Er hatte gespürt, dass seine Worte etwas in Sonja ausgelöst hatten, auch wenn sie versucht hatte, es zu verbergen.

„Interessant,“ murmelte er leise zu sich selbst.

Er beobachtete, wie sie zwischen den Tischen hin- und herging, mit einem Lächeln, das offensichtlich perfekt einstudiert war. Doch jetzt wusste er, dass hinter diesem Lächeln etwas lag – eine Tiefe, die ihn nur noch neugieriger machte.

Als die letzte Runde serviert wurde und sich die Gäste langsam auf den Heimweg machten, stand Max auf, bezahlte und verließ das Restaurant. Draußen umfing ihn die kühle Abendluft, und er zog seine Jacke enger um sich. Er hatte den ersten Schritt gemacht. Jetzt musste er sich überlegen, wie er weiter vorgehen wollte.

Später in dieser Nacht saß Sonja allein in ihrem Schlafzimmer. Sie hatte die Haare geöffnet, und die blonden Strähnen fielen ihr locker über die Schultern. Das Make-up war abgewaschen, und ihr Gesicht wirkte jetzt weicher, verletzlicher.

Auf ihrem Nachttisch lag das Buch, das sie zu lesen begonnen hatte, doch sie konnte sich nicht darauf konzentrieren. Ihre Gedanken kreisten um Max – um seine Worte, sein Lächeln, und die Art, wie er sie ansah. Es war, als hätte er etwas an ihr gesehen, dass sie selbst nicht verstand.

Sie legte das Buch weg und zog die Knie an die Brust, während sie ins Leere starrte. Sie wusste, dass sie sich vor ihm schützen musste. Niemand durfte sie wirklich kennenlernen – nicht, weil sie etwas zu verbergen hatte, sondern weil sie wusste, wie es endete, wenn man sich öffnete.

Am nächsten Morgen war Sonja noch immer von Gedanken an Max geplagt. Der Morgen war kühl, und sie saß mit einer Tasse Tee auf der Veranda ihres Hauses. Die Sonne stieg langsam über den Horizont, und die ersten Strahlen tauchten den Garten in warmes Licht.

Doch selbst die friedliche Umgebung konnte ihre Unruhe nicht vertreiben. Sie hatte schlecht geschlafen, und ihre Gedanken kehrten immer wieder zu Max zurück. Warum war er so hartnäckig? Warum wollte er sie kennenlernen?

„Vielleicht, weil er etwas von dir will,“ flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf.

Doch was könnte das sein? Ihr Erbe? Ihr Unternehmen? Es war möglich, aber Max hatte sich nicht wie jemand verhalten, der etwas von ihr wollte. Seine Fragen hatten aufrichtig geklungen, als ob er wirklich an ihr interessiert war – und nicht an dem, was sie repräsentierte.

Sonja schüttelte den Kopf und zwang sich, aufzustehen. Es war sinnlos, weiter darüber nachzudenken. Sie hatte genug Probleme, ohne dass ein Fremder sie aus dem Gleichgewicht brachte.

Währenddessen saß Max in seinem Büro. Die Fenster ließen das helle Tageslicht herein, doch er war nicht bei der Arbeit. Stapel von Dokumenten lagen auf seinem Schreibtisch, doch seine Gedanken waren anderswo.

„Sie ist faszinierend,“ murmelte er leise.

Martin, sein Assistent, trat ein und hielt inne. „Sir?“

„Sonja Weber,“ erklärte Max, ohne den Blick von seinem Laptop zu nehmen. „Sie ist nicht das, was ich erwartet habe.“

„Sie sagen das, als wäre es etwas Schlechtes,“ antwortete Martin und legte einen Stapel Unterlagen auf den Tisch.

„Nein,“ sagte Max langsam. „Es ist nur… anders. Ich dachte, ich hätte ein klares Bild von ihr. Aber jetzt, wo ich sie getroffen habe, weiß ich nicht mehr, was ich glauben soll.“

Martin schmunzelte. „Rätsel können spannend sein.“

„Vielleicht,“ sagte Max nachdenklich. „Aber sie machen die Dinge auch komplizierter.“

Am Nachmittag entschied sich Max, Sonja erneut zu sehen. Er wusste, dass er vorsichtig sein musste. Zu viel Druck, und sie würde sich vollständig von ihm zurückziehen. Aber er konnte sie auch nicht einfach ignorieren.

Am Nachmittag fuhr Max in die Innenstadt, sein Auto glitt geschmeidig durch die leeren Straßen. Sein Ziel war klar: Er wollte Sonja wiedersehen, ohne dass es wie ein Zufall wirkte. Sein Kontakt hatte ihm berichtet, dass sie oft einen bestimmten kleinen Supermarkt besuchte. Es war ein unauffälliger Ort, weit entfernt von der Eleganz ihres Restaurants oder der Größe ihres Anwesens.

Als er den Parkplatz betrat, sah er Sonjas Wagen bereits stehen. Ein kleines Lächeln zog über sein Gesicht. Perfektes Timing.

Sonja schob ihren Einkaufswagen langsam durch die schmalen Gänge, die Liste in ihrer Hand war halb abgehakt. Sie hatte keine Lust auf Gesellschaft, wollte den Einkauf so schnell wie möglich hinter sich bringen. Der Supermarkt war einer der wenigen Orte, an denen sie sich fast unsichtbar fühlte – keine neugierigen Blicke, keine hohen Erwartungen.

Doch als sie um die Ecke bog, blieb sie abrupt stehen. Max stand da, eine Packung Kaffee in der Hand, und sah aus, als wäre er völlig in Gedanken versunken. Für einen Moment dachte Sonja, er hätte sie nicht bemerkt, doch dann hob er den Blick, und seine Augen trafen ihre.

„Sonja,“ sagte er mit einem entspannten Lächeln, als wäre es das Normalste der Welt, sie hier zu treffen.

„Max,“ antwortete sie und bemühte sich, ihre Stimme neutral zu halten. „Was für ein Zufall.“

Er schob seinen Einkaufswagen näher und legte den Kaffee hinein. „Vielleicht,“ erwiderte er und ließ seine Augen kurz über den Inhalt ihres Wagens gleiten. „Oder vielleicht wollte ich einfach sicherstellen, dass wir unser Gespräch fortsetzen können.“

Sonja war kurz davor, etwas zu sagen, doch Max sprach weiter: „Ich weiß, dass ich Sie gestern überrascht habe. Und ich weiß, dass Sie wahrscheinlich denken, ich sei zu direkt gewesen.“

„Ein bisschen,“ gab Sonja zu und zog die Kapuze ihres Hoodies ein wenig tiefer ins Gesicht. „Ich bin es nicht gewohnt, dass jemand so offen ist.“

Max nickte, als hätte er diese Antwort erwartet. „Manchmal ist Offenheit die beste Strategie. Besonders, wenn man sich wünscht, dass jemand einem vertraut.“

Sonja fühlte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. Vertrauen. Ein Wort, das für sie seit Jahren eine Herausforderung darstellte. Sie wollte ihn fragen, warum er ausgerechnet sie kennenlernen wollte, doch sie hielt sich zurück.

„Und warum sollte ich Ihnen vertrauen?“ fragte sie schließlich, bevor sie sich zurückhalten konnte.

Max lehnte sich leicht gegen seinen Einkaufswagen, die Hände locker an den Griff gelegt. „Weil ich ehrlich zu Ihnen bin. Weil ich nichts von Ihnen will – außer, Sie kennenzulernen.“

Sonja wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Seine Worte klangen aufrichtig, doch ein Teil von ihr blieb skeptisch. Sie hatte zu oft erlebt, dass Menschen etwas von ihr wollten – ob es um ihr Geld, ihre Kontakte oder ihr Unternehmen ging. Doch Max schien anders zu sein.

„Ich weiß nicht, ob ich dazu bereit bin,“ sagte sie leise und wich seinem Blick aus.

„Das ist okay,“ antwortete Max. „Ich erwarte nichts von Ihnen, Sonja. Aber wenn Sie mir eine Chance geben, verspreche ich Ihnen, dass ich es nicht bereuen werde.“

Seine Stimme war ruhig, seine Augen suchend. Für einen Moment stand die Zeit still, und Sonja fühlte, wie etwas in ihr nachgab – eine kleine Lücke in der Mauer, die sie um sich herum aufgebaut hatte.

Das Gespräch vertiefte sich, während sie langsam durch die Gänge gingen. Max erzählte von seiner Kindheit, von den Erwartungen, die seine Eltern an ihn hatten, und wie er oft das Gefühl hatte, nicht frei zu sein. Sonja hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen, und bemerkte, dass sie sich in vielen Punkten wiedererkannte.

„Manchmal denke ich, dass wir uns selbst am meisten im Weg stehen,“ sagte Max schließlich. „Wir lassen niemanden an uns heran, weil wir Angst haben, verletzt zu werden. Aber ist es nicht riskanter, immer allein zu bleiben?“

Sonja blieb stehen, ihre Hände um den Griff des Einkaufswagens geklammert. „Vielleicht. Aber manchmal ist es einfacher, allein zu sein, als die Enttäuschung zu riskieren.“

Max nickte langsam. „Das verstehe ich. Aber ich glaube auch, dass es Menschen gibt, die das Risiko wert sind.“

Seine Worte trafen sie wie ein Schlag, doch sie ließ sich nichts anmerken. Stattdessen griff sie nach einer Packung Kekse und legte sie in ihren Wagen, als wäre nichts passiert.

Draußen auf dem Parkplatz verabschiedeten sie sich schließlich. Max schob seinen Einkaufswagen zu seinem Auto, doch bevor er einstieg, drehte er sich noch einmal um.

„Sonja,“ rief er.

Sie blieb stehen, ihre Hände auf den Griff ihres Wagens gelegt. „Ja?“

„Danke, dass Sie mir zugehört haben.“

Sonja nickte knapp. „Danke, dass Sie… ehrlich waren.“

„Ich hoffe, dass wir bald wieder sprechen,“ sagte Max, bevor er in sein Auto stieg und davonfuhr.

Sonja blieb zurück, ihr Blick folgte seinem Wagen, während ihre Gedanken noch immer um das Gespräch kreisten. Sie wusste nicht, ob sie ihm vertrauen konnte, doch ein Teil von ihr wollte es herausfinden.