Die Stille zwischen ihnen war schwer, in dem Augenblick in dem Max sich langsam von Sonja löste. Der Kuss, die sanften Berührungen – all das hatte einen Moment der Intimität geschaffen, der für sie völlig neu war. Doch, mit ein wenig Abstand, bemerkte sie das Chaos in ihrem Kopf. Ihr Herz schlug weiter schneller wie gewohnt, ihre Finger zitterten leicht, und sie entschied sich, dazu sich zurückzulehnen.

Max bemerkte ihre Unsicherheit sofort. Er atmete tief durch und zwang sich, die Situation nicht weiter voranzutreiben.

„Verzeih mir bitte“, sagte er sanft, seine Stimme leise und ehrlich. „Ich hatte nicht das Recht, dich so zu überrumpeln.“

Sonja blinzelte überrascht und schüttelte leicht den Kopf. „Du hast nicht falsch gehandelt. Es ist nur… neu für mich.“

Max nickte verstehend. Und genau das ist das Problem, sagte er sich in Gedanken.

Innerer Monolog – Max

Sonja ist vollkommen unerfahren.

Nicht ein Freund. Kein erstes Mal. Fehlende Erfahrung.

Max hatte nicht erwartet, dass es so sein würde. Die meisten Frauen, die er kannte, hatten eine Vergangenheit – Beziehungen, Ex-Partner. Doch Sonja? Sie war völlig unberührt von alledem. Und das bedeutete, dass er Vorsicht zu walten hat.

Er war nicht in der Position es sich zu leisten, sie zu enttäuschen. Sie zu bedrängen.

Denn wenn er jetzt einen falschen Schritt voranmacht und er ihr Vertrauen zerstört, bevor es überhaupt aufgebaut war.

Er rieb sich unbewusst über das Kinn und warf Sonja einen verstohlenen Blick zu. Sie wirkte abwesend, man sah ihr an das sie ihre eigenen Gedanken sortierte.

Ich werde es langsam angehen. Ihr Zeit geben. Das hier ist nicht nur eine kurze Sache seine Eltern verlangen die Ehe mit ihr.

Sonja sammelte ihre Gedanken.

Max hatte sich von ihr zurückgezogen, und obwohl sie erleichtert darüber war, gab es da ebenfalls eine leise Enttäuschung. Die Wärme seiner Berührungen hallte weiter in ihr nach, und es verwirrte sie zutiefst, wie ihr Körper auf ihn reagierte.

Sie war es nicht gewohnt, sich so zu empfinden.

Es ließ Angst in ihr entstehen.

„Ich denke, wir frühstücken weiter“, sagte sie, um die Stille zu durchbrechen.

Max hob den Kopf, musterte sie kurz und lächelte dann. „Ja, das werden wir.“

Das Frühstück verlief ohne Zwischenfälle, die sie verunsicherten. Sonja hatte sich wieder gefangen, und Max zwang sich, nichts zu überstürzen. Sie sprachen über unverfängliche Themen – wie Essen, Reisen, kleine Erinnerungen aus ihrer Kindheit.

Er ließ die intimen Fragen von vorhin bewusst beiseite.

Er sorgte dafür, dass sie sich wohlfühlte.

In der Zwischenzeit tranken sie beide ihren Kaffee aus, Max lehnte sich in seinem Stuhl zurück und musterte Sonja nachdenklich.

„Ich hätte eine Idee“, sagte er dann.

Sonja hob fragend die Augenbrauen. „Welche?“

„Wie wäre es, wenn wir den Rest des Tages gemeinsam verbringen?“

Sonja blinzelte überrascht. „Zusammen?“

Max nickte. „Ja. Mir ist bewusst, dass das alles zurzeit zu extrem für dich ist, aber wenn du es ermöglichst, versuche ich, dass du entspannst an meiner Seite. Heute entscheidest du, was wir zusammen unternehmen. Such dir etwas aus – ich werde jeden Wunsch erfüllen.“

Sonja biss sich nachdenklich auf die Unterlippe.

„Du meinst, ich suche mir aus, was wir erleben?“

Max grinste. „Genau. Sag, was gefällt dir?“

Sonja sah Max an, wie wenn er etwas völlig Absurdes gesagt hätte. „Du erfüllst mir echt jeden Wunsch?“

Max lehnte sich entspannt zurück, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. „Ja. Heute ist der Fokus bei dir, es dreht sich nur, um deine Wünsche.“

Sonja war nicht sicher, welche Reaktion angemessen ist. Sie wurde nie zuvor so von jemanden behandelt – und er wirkte sogar aufrichtig. Ihr Leben war immer von Pflichten erfüllt, von Erwartungen, die sie zu erfüllen hat. Ihre Gedanken kreisten um die Frage, was sie sich wünscht… das war ihr fast fremd.

„Ich bin nicht sicher“, murmelte sie und strich mit den Fingern über den Rand ihrer Kaffeetasse. „Ich bin nicht begabt darin, Entscheidungen zu treffen, wenn es sich um mich selbst dreht.“

Max betrachtete sie mit einer Mischung aus Verständnis und leiser Neugier. „Dann lass dir Zeit. Denk in Ruhe nach. Es braucht nichts Großes zu sein. Nur etwas, das du genießen imstande bist.“

Sonja atmete tief durch und überlegte. Was täte sie gerne?

Sie war gedanklich in ihren üblichen Tagen – bei ihrer Arbeit im Elysian, bei den Abenden, die sie allein in ihrem Haus verbrachte, bei den Momenten, in denen sie sich in ihren Denkvorgängen verlor. Sie hatte nie Zeit für sich selbst genommen.

„Ich…“ Sie hielt inne und schaute Max zögernd an. „würde gerne ans Meer fahren.“

Max’ Augenbrauen hoben sich leicht. „Alles klar!“

Sonja nickte. „Ich war schon ewig nicht mehr dort. Es ist grandios, den Wellen zuzusehen und zu sitzen und dem Rauschen zuzuhören.“

Max lehnte sich vor und lächelte. „Dann fahren wir ans Meer.“

Ein paar Stunden später saßen sie in Max’ Wagen, und die Stadt verschwand langsam hinter ihnen. Die Straßen wurden leiser, die Landschaft weiter, bis am Ende das endlose Blau des Ozeans am Horizont auftauchte.

Sonja saß auf dem Beifahrersitz und starrte hinaus, zu der Zeit spielte sie leise Musik im Hintergrund. Der Anblick des Meeres weckte eine Sehnsucht in ihr, die sie nicht vollkommen erfassen vermochte.

„Du siehst glücklich aus“, bemerkte Max neben ihr.

Sonja drehte den Kopf zu ihm und lächelte leicht. „Womöglich bin ich das.“

Am Strand war es fast menschenleer. Die kühle Brise ließ Sonjas Haare tanzen, zu der Zeit zu der sie die Schuhe auszog und mit bloßen Füßen über den feuchten Sand lief. Max folgte ihr, die Hände in den Taschen seines Mantels vergraben.

„Ich verstehe, warum dir das hier gefällt“, sagte er leise, in dem Moment, in dem sie zusammen am Ufer entlanggingen.

„Es ist beruhigend“, erwiderte Sonja und ließ ihre Finger durch den Sand gleiten. „Hier ist es mir erlaubt… zu sein. Ohne Erwartungen oder Verpflichtungen.“

Max betrachtete sie einen Moment lang nachdenklich. „Du brauchst dich nicht zu verstecken.“

Sonja lachte leise. „So leicht ist das nicht.“

„Doch“, sagte Max. „Man braucht nur Mut.“

Sie blieb stehen und schaute ihn an. „Und was wünscht du dir?“

Max hielt ihren Blick für einen Moment fest. „In diesem Augenblick? Genau das hier.“

Ein warmer Schauer lief Sonja über den Rücken. Die Nähe zwischen ihnen war spürbar, doch diesmal war sie anders wie sonst – sanfter, intensiver auf eine Art, die sie nicht gewohnt war.

Langsam streckte Max die Hand aus und strich eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht. „Danke, dass du mit mir diesen Moment teilst.“

Sonja schluckte und nickte nur.

Für den Rest des Tages sprachen sie wenig, aber es war eine dieser seltenen Stille, die nicht unangenehm war. Sie saßen nur zusammen, hörten dem Meer zu und ließen den Tag verstreichen.

Und Sonja merkte, dass sich etwas in ihr veränderte.

Womöglich war es Zeit, sich nicht länger vor ihren eigenen Wünschen zu verstecken.