Victor Sterling saß an seinem Schreibtisch, den Blick auf die graue Skyline gerichtet. Der Raum war in kühles Licht getaucht, und das leise Summen der Überwachungsmonitore füllte die Stille. Vor ihm lag eine Mappe, sauber beschriftet: „Überwachungsbericht: Holly Sterling“. Er hatte den Bericht schon mehrmals gelesen, doch es war das Bild auf der ersten Seite, das seine Aufmerksamkeit fesselte.
Holly, ihre leuchtend blauen Augen auf den Boden gerichtet, in einem Moment, in dem sie mit einem jungen Mann sprach. Ihr scheues Lächeln – kaum mehr wie ein Zucken der Mundwinkel – war deutlich zu erkennen. Ein Schmunzeln, das ihn traf wie ein Stich ins Herz. Er erinnerte sich daran, wann er sie zuletzt so hatte, grinsen sehen. Damals, bevor Elise verschwand, wo die Welt für sie heil war. Eine Erinnerung, die sich wie ein dunkler Schatten über sein Gewissen legte.
Das leise Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. „Herein“, sagte er mit fester Stimme, die keine Spur seiner inneren Unruhe verriet.
Ein Mann trat ein – groß, mit dunklem Haar und einem aufmerksamen Blick. Sein Name war Jonathan Reaves, ein langjähriger Kollege und angeblich ein enger Vertrauter. Doch was Victor nicht zu wissen erlaubt wurde: Er war ein Spion des Untergrunds, der geschickt jede Gelegenheit nutzte, um Informationen zu sammeln und seine Zweifel an der Organisation zu schüren.
„Neuigkeiten?“, fragte Victor und deutete auf den leeren Stuhl vor seinem Schreibtisch.
Jonathan setzte sich und warf einen kurzen Blick auf die Mappe. „Ja, es gibt ein paar neue Entwicklungen. Wir haben ein weiteres Bild von Holly und dem Jungen, Sean heißt er, wenn ich mich korrekt erinnere?“
Victor nickte stumm. Er hatte seinen Namen mehrfach in den Berichten gelesen. Ein Fremder, der auf einmal in Hollys Leben aufgetaucht war, und doch schien sie ihm zu vertrauen – mehr, wie sie jemals anderen vertraute. „Was hältst du von ihm?“ Fragte Victor beiläufig, indessen schloss er die Akte.
Jonathan lehnte sich zurück, die Hände locker auf den Armlehnen des Stuhls. „Er wirkt harmlos. Womöglich ein Schüler, der Interesse an deiner Tochter zeigt. Aber…“ Er setzte zu einer Pause an und ließ seine Worte wirken. „Es ist durchaus denkbar, dass mehr dahinter steckt.“
„Hmm?“ Victor runzelte die Stirn. „Was meinst du damit?“
Jonathan zog eine Augenbraue hoch, er wog ab, was er zu sagen imstande war. „Es gibt Gerüchte, dass der Untergrund, junge Leute wie ihn einsetzt, um potenzielle Magieträger zu schützen. Deine Tochter ist… herausragend, Victor. Selbst wenn sie bisher keine Anzeichen von Magie gezeigt hat, ist sie das Kind von Elise. Die Organisation bewacht sie nicht nur, dadurch das du es verlangst. Sie überwachen sie, nicht grundlos, sondern weil es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich bei ihr etwas regt.“
Victor schwieg. Die Worte hallten in seinem Kopf wider. Das Kind von Elise. Ein Erbe, das er zu leugnen versuchte, das aber unausweichlich war. Er hatte sich der Organisation angeschlossen, um Holly zu schützen – um sicherzustellen, dass sie ein normales Leben führen wird. Doch je länger er diente, desto klarer wurde ihm, dass ihre Ziele nicht mit seinen übereinstimmten.
„Ich frage mich gelegentlich, ob wir das Richtige anstreben“, sagte Victor leise, fast wie zu sich selbst.
Jonathan hielt inne. Das war ein Moment, auf den er lange gewartet hatte. „Manchmal ist es unverzichtbar, den perfekten Zeitpunkt abzuwarten, um die korrekten Fragen zu stellen“, sagte er vorsichtig. „Womöglich ist es an der Zeit, dass du in dich gehst und überdenkst, ob du an das glaubst, wofür du kämpfst.“
Victor hob den Blick und musterte ihn aufmerksam. „Warum sagst du mir das?“
Jonathan lächelte zögerlich, doch es war kein glückliches Lächeln. „Weil ich glaube, dass es nicht zu spät ist, Holly zu beschützen. Nicht durch Überwachung. Nicht durch Kontrolle. Sondern durch Vertrauen.“
Ein kurzes Schweigen folgte, bevor Victor aufstand und zum Fenster schritt. Er betrachtete die Straße, auf der Menschen hastig ihren Weg liefen, jeder gefangen in seiner eigenen kleinen Welt. „Vertrauen“, murmelte er. „Etwas, das wir alle vermissen.“
Victor starrte weiterhin schweigend aus dem Fenster. Die Worte seines Kollegen und Freundes? – hallten in ihm nach. Zuversicht. Es war etwas, das er lange verloren hatte. Wie würde er Holly jemals vertrauen, wenn er sich nicht einmal selbst traute?
„Und wie stell ich das an?“, fragte er, ohne den Blick vom Fenster abzuwenden. „Wie ist es möglich, sie für mich zu gewinnen… oder mir selbst zu vertrauen? Vor allem war ich es, der Elise verraten hat.“ Seine Stimme klang rau, voller Bitterkeit.
Jonathan blieb still sitzen, seine Haltung entspannt, aber aufmerksam. Er war sich dessen bewusst, dass dieser Moment bestimmend war. „Es ist nicht nur das, was geschehen ist“, sagte er leise. „Entscheidend ist, was heute geschieht. Du hast damals falsch gehandelt und bereust es. Aber jetzt hast du die Chance, andere Wege einzuschlagen.“
Victor drehte sich langsam um und musterte Jonathan mit einem Ausdruck, der zwischen Skepsis und Hoffnung lag. „Und wie stellst du dir das vor? Die Organisation beobachtet jeden meiner Schritte. Wenn ich zu eindeutig handle, gefährde es sie mehr.“
Jonathan lehnte sich leicht nach vorn. „Es gibt Wege, unauffällig zu handeln. Kleine Gelegenheiten. Und ich glaube, du hast damit angefangen.“ Er deutete auf das Bild von Holly, das die ganze Zeit über auf Victors Schreibtisch lag. „Du behältst dieses Foto. Lass es einrahmen und stelle es dort hin, wo es dich daran erinnert, warum du kämpfst.“
Victor nahm das Bild und betrachtete es erneut. Holly war bildhübsch auf diesem Foto, ihr Lächeln scheu, aber echt. Ohne ein weiteres Wort schob er es in eine Ledermappe, die er daraufhin sorgfältig verschloss.
Jonathan wartete einen Moment, bevor er weitersprach. „Da ist womöglich was, Victor.“ Er hielt inne, er suchte die richtigen Worte. „Ich habe letzte Nacht Wache gehalten und etwas bemerkt… einen Funken.“
Victors Augen verengten sich. „Eine Spur von was?“
„Magie“, bestätigte Jonathan ernst. „Es war minimal, kaum wahrnehmbar, aber es war da. Es ist möglich, dass sich Hollys Kräfte langsam zeigen. Ich habe es vorerst vertuscht. Niemand außer mir hat Kenntnis davon.“
Victor spannte sich an. „Warum hast du es unter den Teppich gekehrt? In dem Moment, in dem die Organisation das erfährt.“
„Deshalb habe ich es dir zuerst gesagt“, unterbrach ihn Jonathan friedlich. „Weil ich glaube, dass du helfen wirst. Wenn man zusammen arbeitet, finden wir einen Weg, Holly zu schützen, bevor es zu spät ist.“
Victor schwieg, sein Blick wanderte erneut zum Fenster. Er bemerkte, wie sich in ihm etwas regte – ein kleiner, entschlossener Funke. Er war nicht sicher, wie er Hollys Schutz plant. Aber womöglich war das der erste Schritt: nicht mehr allein zu sein.
„Ok“, sagte er leise. „Höchste Vorsicht ist erforderlich. Niemand hat das Recht, etwas davon zu erfahren.“
Jonathan nickte zufrieden. „Wir finden einen Weg, Victor. Aber bitte vertraue mir.“
Er lächelte traurig. „Auf dich zu bauen… Das wird das Schwierigste von allem.“
Victor lehnte sich schwer in seinen Stuhl zurück, das Bild von Holly in der Ledermappe fest umklammert. „Ich werde sie vorerst zu Hause behalten. Wenn nötig, wird sie eingesperrt. Ich habe nicht das Recht, sie in Gefahr zu bringen. Nicht, solange die Organisation ihr nicht auf die Spur gekommen ist.“
Jonathan hob eine Augenbraue, seine Haltung blieb gelassen. „Du weißt, dass das keine dauerhafte Lösung ist, oder? Sie wird herausfinden, dass etwas nicht stimmt. Und wenn sie plant zu fliehen, wirst du sie nicht ewig aufhalten.“
Victor schwieg. Tief in sich war ihm klar, dass er recht hatte, doch die Angst um Holly ließ ihn keinen anderen Weg offen.
Jonathan fuhr fort: „Ich werde im Haus bleiben. Wenn wir zusammen sind, fällt es der Organisation nicht auf, und ich stellen sicher, dass Holly nichts passiert. Außerdem…“ Er zögerte kurz, er strebte an, seine Worte sorgfältig zu wählen. „Sobald sie flieht, werde ich ihr helfen – unauffällig, ohne dass es auf dich zurückfällt.“
Victor schnaubte. „Das klingt ja so, wie wenn du ihre Flucht planst.“
„Womöglich“, sagte Jonathan in Ruhe. „Aber du weißt genauso wie ich, dass sie früher oder später fliehen wird. Du wirst sie nicht für immer einsperren. Wenn sie flieht, dann zumindest sicher und kontrolliert – nicht überstürzt und gefährlich.“
Victor überlegte lange. Letzten Endes nickte er langsam. „In Ordnung. Ich erlaube dir zu bleiben. Aber wenn irgendetwas schiefläuft, bist du verantwortlich.“
Jonathan lächelte leicht, er hat genau diese Antwort erwartet. „Das ist ein Risiko, das ich bereit bin einzugehen.“
Zu der Zeit zu der Holly am Nachmittag das Schulgelände verließ, fiel ihr sofort die Gestalt ihres Vaters auf, der in seinem alten, grünlichen Auto an der Straße wartete. Normalerweise holte er sie nicht ab. Er mied es, in die Schule zu kommen. Sie schien ein unangenehmer Ort für ihn zu sein. Jetzt aber saß er da, mit undurchsichtiger Miene. Holly fiel auf, wie ihr Magen sich zusammenzog. Was hatte er vor, warum war er da?
Widerwillig lief sie zu ihm. Er ließ die Beifahrertür auf, ohne sie anzulächeln. „Steig ein“, knurrte er.
Sie beugte sich vor. „Warum? Ich laufe gerne.“
„Rein mit dir“, motzte er, dieses Mal lauter, und Holly war klar, dass Widerstand sinnlos war. Sie öffnete die Tür und setzte sich auf den Beifahrersitz. Er fuhr sofort los, abrupt, er hatte es eilig von hier zu verschwinden.
„Was ist?“, fragte sie nach einigen Straßenblocks. Sie sah, wie seine Finger fest um das Lenkrad gekrallt waren.
„Du wurdest ein paar Tage mit diesem Jungen gesehen“, sagte er, den Blick starr nach vorne gerichtet. „Wer ist das?“
Hollys Herz schlug schneller. Er hatte sie beobachten lassen. „Ein neuer Schüler“, sagte sie wahrheitsgemäß. „Warum?“
Er versuchte, zu lächeln, wirkte dabei aber eher gruselig. „Ich bin besorgt. Vergesse nicht, dass ich dein Vater bin“ Er brach ab, schluckte. „Du weißt, dass es gefährlich ist, irgendwelchen fremden Leuten zu vertrauen. Du bist nicht in der Lage, zu wissen, ob er Hintergedanken hat.“
Sie lachte trocken, aber ohne Humor. „Wie bitte? Du kennst ihn nicht einmal und erlaubst dir, ein Urteil über ihn zu fällen?“
Er warf ihr einen raschen, wütenden Blick zu. „Pass auf, wie du mit mir sprichst. Ich bin und bleibe dein Vater, ob es dir gefällt oder nicht.“
Holly bemerkte, wie sich eine eisige Wut in ihrer Brust ausbreitete. Er verurteilt jeden grundlos. Wie leicht es für ihn war, voreingenommen von anderen zu sprechen, ohne jemals ihre Gefühle zu berücksichtigen. „Du hast null Ahnung, was du da sagst“, sagte sie leise und fest. „Ich begehe keinen Fehler, wenn ich mit einem Mitschüler rede. Du hast doch nicht mehr alle Latten am Zaun.“
Er kniff die Lippen zusammen, schweigend, voller Zorn. Holly sah, wie sich eine Ader an seiner Stirn hervortat. Für einen Augenblick fürchtete sie, er wird handgreiflich werden, doch er hielt inne, atmete schwer.
Den Rest der Fahrt schwiegen beide. Das Auto rumpelte über Schlaglöcher, der Motor knatterte, und draußen sanken die Schatten auf die Straßen. In dem Moment, in dem sie vor ihrem alten Haus hielten, hatte Holly so rasch wie möglich auszusteigen und zu fliehen. Doch ihr Vater war schneller, stieg aus, umrundete den Wagen. Bevor sie in der Lage war zu reagieren, zog er ihren Türgriff auf, packte ihre Schultasche und zog sie mit ins Haus.
„Was zur Hölle?“, rief sie. „Du wirst fürs erste Zuhause bleiben“, sagte er.
Holly lief so schnell, wie nur möglich in ihr Zimmer und setzte sich auf ihr Bett. Der Tag ist nicht vorbei, doch sie war so ausgelaugt. Sie nahm das Medaillon in die Hand, bemerkte seine kühle Oberfläche, fuhr mit dem Finger über das runenhafte Symbol darauf. Sie war verzweifelt. Was ist nur los? Hat sie etwas nicht mitbekommen das er, so ausrastet und was meint er, mit du wirst fürs erste Zuhause bleiben?
In der Zeit, in der sie in den dämmrigen Raum starrte, hörte sie Schritte im Flur. Ihr Vater schlenderte in sein Zimmer, knallte die Tür mit voller Kraft zu. Womöglich betrinkt er sich jetzt wieder. Seine Bitterkeit schien täglich zu wachsen, wie ein dunkler Fleck, der sich in ihre Familie fraß.
Holly seufzte. Wie wird die Zukunft aussehen? Egal, sie beschloss, dass sie morgen früh aufstehen wird und sich so verhält, wie wenn nichts wäre und würde versuchen, den Knast zu verlassen.
Draußen zog der Wind an dem Haus vorbei, und der Regen setzte wieder ein. Die Tropfen prasselten gegen ihr Fenster, wie ein ungeduldiger Herzschlag in der Finsternis. Holly schloss die Augen, lauschte dem Rhythmus.
Die Nacht, die auf den Streit mit ihrem Vater folgte, brachte Holly kaum Schlaf. Sie lag wach in ihrem kleinen Zimmer, hörte die knarrenden Dielen im Haus und das leise, regelmäßige Tropfen von Regenwasser, das sich auf der Fensterbank sammelte und dann herabrann. Sie betrachtete den dunklen Umriss ihrer Möbel, die vage Formen annahmen, wie wenn sich die Schattenwelt in ihrem Zimmer manifestiert. Tief in ihr bemerkte sie ein Unbehagen, das mehr war wie nur Angst vor ihrem Vater: Es war ein Gefühl, das Grenzen zwischen den Welten verschwimmen. Eine flüchtige Erinnerung aus Kindheitstagen kam ihr in den Sinn: Ein silberner Schimmer, ein sanfter Atem an ihrer Wange – doch sobald sie nach dem Bild gegriffen hat, entglitt es ihr.
Gegen vier Uhr schlief sie endlich ein. In ihren Träumen war sie wieder ein kleines Kind. Eine Wölfin lag neben ihr, schimmerndes silbernes Fell, hellblaue Augen, die im dunkeln Gelb leuchteten. Sie nahm die Wärme die, von diesem Tier ausging wahr, eine Fürsorge, die sie nicht erklären vermochte. Die Wölfin legte sich schützend um sie, in dem Augenblick in dem Holly ihre Hand ausstreckte, verschwamm die Szene, und sie erwachte mit einem leisen Keuchen. Ihr Herz pochte, doch das Zimmer war leer. Kein Tier, nur die graue Dämmerung, die durchs Fenster sickerte.
Seufzend richtete sie sich auf. Sie hatte das Gefühl, dass Blei-Gewichte auf ihren Schultern lasten. Dennoch: Der neue Tag stand bevor, und sie hat beschlossen zu handeln. Sie hatte entschieden, Sean in ihre Geheimnisse einzuweihen – zumindest ein Stück weit.
In der Küche roch es nach Kaffee und abgestandener Luft. Ihr Vater war wach, stand am Fenster, die Arme verschränkt. Auf einem der Stühle saß ein Mann, den sie nicht kannte. Holly begrüßte niemanden, sie schritt wortlos zum Brotkasten, nahm eine Scheibe Brot heraus und steckte sie in den Toaster. Ihr Vater starrte nur aus dem Fenster, schaute hinaus in den regenschweren Morgen. Sie war froh, dass er sie ignorierte. Wenigstens gab es heute keinen Streit zum Frühstück.
„Hallo Holly“, sprach der ihr unbekannte Mann mit einer freundlichen, aber beherrschten Stimme. „Ich bin Jonathan, ein Freund deines Vaters.“
Holly sah ihn nicht einmal an. Ihre Lippen verzogen sich zu einem sarkastischen Lächeln. „Ach ist das so, ja?“, murmelte sie leise, bevor sie desinteressiert ihren Blick abwandte.
Jonathan schien ihre kühle Reaktion nicht zu stören. Er lehnte sich entspannt zurück und nahm einen Schluck Kaffee. „Mir ist bewusst, das ist für dich alles ausgesprochen unangenehm. Aber ich bin hier, um zu helfen.“
„Klasse“, entgegnete sie scharf. „Wieder jemand, der sich einbildet, zu wissen, was das Beste für mich ist.“
„Holly“, unterbrach Victor streng, zeitgleich stellte er die Kaffeetassen auf den Tisch, „du gehst heute nicht in die Schule.“
Holly riss die Augen auf und starrte ihren Vater ungläubig an. „Was?! Warum nicht?“
„Es ist zu gefährlich“, sagte ihr Victor besonnen. „Die Organisation beobachtet uns. Wir sind gezwungen, aufzupassen, wie wir handeln.“
Holly sprang auf. „Das ist doch lächerlich“ „Ich werde nicht grundlos zu Hause bleiben, nur weil du paranoid bist!“
Victor hob eine Hand, um sie zu beruhigen, und seine Stimme blieb hart. „Das ist keine Diskussion, Holly. Du handelst so, wie ich dir sage.“
„Wahnsinn“, murmelte sie und verschränkte die Arme fester vor der Brust. „Was kommt morgen? Gitter an den Fenstern?“
Jonathan beobachtete die Auseinandersetzung einen Moment schweigend, bevor er sich einmischte. „Holly, ich verstehe, dass das zurzeit unfair für dich erscheint. Aber dein Vater ist bekannt, wovon er redet. Es ist im Moment zu gefährlich.“
„Wie bitte?“, fragte Holly spöttisch. „Und wer hat entschieden, dass du das Recht hast, mit zu reden?“
Jonathan lächelte leicht. „Ich bin hier, um sicherzustellen, dass nichts passiert. Außerdem …“ Er beugte sich etwas vor und sah sie eindringlich an. „Ich werde helfen.“
„Das ist mir egal“ schnappte Holly. „Ich verlange mein normales Leben zurück.“
„Und das wirst du bekommen“, sagte Victor mit ungewohnter Sanftheit. „Aber nicht heute. Wir halten es für erforderlich erst sicher zu stellen, dass nichts passiert.“
Hollys Kiefer mahlte vor unterdrücktem Zorn. Sie hasste es, wenn Entscheidungen über ihren Kopf hinweg getroffen wurden, und sie verfluchte es mehr, dass sie keine Wahl hatte. Doch ihr war klar, dass es im Moment sinnfrei ist, weiter zu protestieren.
Jonathan trank einen Schluck Kaffee und stellte die Tasse ab. „Ich bleibe hier, um sicherzugehen, dass alles friedlich bleibt. Womöglich findest du ja mit der Zeit heraus, dass ich doch nett bin.“
Holly reagierte nicht. Sie starrte nur schweigend auf den Tisch, die Wut brannte immer wie ein Feuer in ihrem Inneren.
Victor wechselte einen kurzen Blick mit Jonathan, bevor er sich wieder seiner Tasse zuwandte. Die Spannung im Raum blieb Bestehen, schwer wie ein unsichtbarer Schleier, der sich über die Anwesenden gelegt hatte.
Holly vermutete, dass dies nur der Anfang war. Doch in ihrem Kopf formte sich schon ein Plan. Sie würde nicht ewig hierbleiben. Egal, was ihr Vater oder dieser Jonathan sagten – sie würde einen Weg finden, um diesem Gefängnis zu entkommen.
Holly lief beunruhig durch das Wohnzimmer, ihre Gedanken rasten. Seitdem morgen war sie von einem unsichtbaren Käfig umgeben – alle Türen waren abgeschlossen, und die Fenster ließen sich keinen Millimeter öffnen. Bei jedem Versuch, den sie unternahm, einen Weg nach draußen zu finden, fiel ihr Blick auf Jonathan, der sie wie ein Wachhund beobachtete.
„Was stimmt mit euch nicht?“ fauchte sie einmal, in dem Moment, in dem sie bemerkte, dass er in der Tür lehnte und sie wortlos ansah. „Habt ihr Angst, dass ich weglaufe?“
Jonathan zuckte gelassen mit den Schultern. „Dein Vater hat gesagt, du bleibst hier. Ich sorge nur dafür, dass du dich nicht in Schwierigkeiten bringst.“
„In Probleme?“ Holly schnaubte verächtlich. „Ich bestehe darauf, dass ihr mich raus lasst, okay? Frische Luft, keine Überwachung.“
„Verstehe ich“, sagte Jonathan mit gespielter Geduld. „Aber es ist zu gefährlich.“
Holly ignorierte ihn und setzte ihre Suche nach einem Ausgang fort. Sie überprüfte alle Türen im Haus, ebenfalls die Hintertür und die Kellertür, doch jede war verschlossen. Die Fenster ließen sich zwar öffnen, aber draußen waren dicke Gitter angebracht – neu installiert, wie sie bemerkte.
Kurz vor Mittag hat sich Holly erschöpft auf das Sofa fallen lassen. Die Sonne schien durch die Gitter der Fenster, aber das Licht wirkte kalt und fern. Sie war fassungslos, dass ihr Vater sie so einsperren würde. Sie war eine Gefangene im eigenen Zuhause.
Jonathan trat mit zwei Gläsern Wasser in den Raum und stellte eines vor ihr ab. „Trink was. Du wirst den Kopf brauchen, damit du klar bleibst beim Reflektieren.“
Holly ignorierte das Glas demonstrativ. „Wenn du mich schon nicht rauslässt, dann sag mir wenigstens, wann das hier endet?“
Jonathan setzte sich auf den Sessel gegenüber und lehnte sich entspannt zurück. „Das liegt an dir. Ich bin hier, um sicherzustellen, dass du keinen Unsinn treibst. Du bist schlau, Holly. Du weißt, dass es riskant ist, da draußen herumzulaufen.“
Sie schnaubte. „Klar, gefährlich. Ihr behandelt mich, wie eine fünfjährige.“
Jonathan lächelte milde, ließ sich aber nicht aus der Ruhe bringen. „Hast du in betrachtgezogen, dass wir uns Sorgen? Weißt du, Holly, dein Vater ist nicht so kalt, wie er manchmal wirkt. Er versucht nur, dich zu schützen.“
Sie verdrehte die Augen. „Ja, klasse Leistung. Und dabei sperrt er mich ein. Genial.“
Jonathan hielt kurz inne und musterte sie. „Du bist wütend. Das verstehe ich. Aber hör mir zu, Holly: Mach nichts Unüberlegtes. Du bist clever. Es wird sich der richtige Moment ergeben, um rauszukommen – der ist nicht, jetzt obgleich es dir nicht gefällt.“
Holly stand auf, zu aufgebracht, um still sitzen zu bleiben. „Das ist doch alles sinnlos. Ich stecke hier fest, und ihr meint ernsthaft, das sei die Lösung?“ Sie warf ihm einen letzten genervten Blick zu, bevor sie in ihr Zimmer verschwand und die Tür hinter sich zuknallte.
Gegen Nachmittag klingelte es an der Haustür. Holly, die in ihrem Zimmer saß und Pläne schmiedete, wie sie entkommt, sprang auf. Unter Umständen war es jemand, der ihr hilft? Doch bevor sie die Möglichkeit hatte, die Treppe hinunter zu stürmen, hörte sie Jonathan sprechen.
„Wer bist du?“
„Sean“, antwortete eine vertraute Stimme von draußen. „Ich habe mich gefragt, wie es Holly ergeht. Und … ich gebe ihr meine Nummer, wenn das ok ist. Falls sie jemanden zum Reden braucht.“
Holly spähte vorsichtig aus ihrem Zimmer, aber nur Jonathans Rücken war zu sehen. Nach kurzem Zögern ließ er Sean herein. „Warte hier“, sagte er knapp bevor er zur Treppe schaute. „Holly, Besuch für dich!“
Sie kam langsam die Stufen herunter, ihre Augen glänzten vor Erleichterung und Ärger zugleich. Sean stand im Flur, die Hände in den Taschen, und musterte sie mit einem leichten Lächeln.
„Alles okay bei dir?“, fragte er leise.
Holly seufzte. „War schon besser.“
Sean holte einen kleinen Zettel aus seiner Tasche und reichte ihn ihr. „Hier. Meine Nummer. Wenn du jemanden zum Reden brauchst – oder falls du mal rauskommst.“
Jonathan beobachtete die Szene schweigend, sagte aber nichts. Holly nahm den Zettel und warf ihm einen dankbaren Blick zu. „Danke.“
„Kein Problem.“ Sean blieb einen Moment stehen, er hätte gerne etwas gesagt, entschied sich dann aber anders. „Ich geh denn mal los. Pass auf dich auf, ja?“
Sie nickte stumm, und er verschwand durch die Tür.
Der Abend brach herein, Holly saß in ihrem Zimmer und starrte auf den Zettel mit Seans Nummer. Sie hatte ihn mehrmals umgedreht, doch es waren keine geheimen Botschaften darauf – nur eine simple Telefonnummer.
„Rauskommen …“, murmelte sie still vor sich hin.
Ein leises Kratzen am Fenster ließ sie aufhorchen. Doch in dem Moment in dem sie hinsah, war da nichts – nur das sanfte Leuchten der Straßenlaternen, das durch die Gitter schien. Sie seufzte schwer und legte sich ins Bett.
Ihre Gedanken kreisten um Sean, Jonathan, ihren Vater und vor allem um die Frage, wie sie aus diesem Gefängnis entkommen, vermag.
Das Licht in Hollys Zimmer ist gedämpft, die Geräusche des Hauses sind kaum wahrnehmbar. Ihr Vater schläft, und eine bedrückende Stille liegt in der Luft. Holly sitzt auf ihrem Bett, die Knie an die Brust gezogen. Sie starrt auf den Brief ihrer Mutter, den sie seit Jahren immer wieder durchliest, stets in der Hoffnung das er ihr, Antworten gibt, die er nie geben wird.
„Holly …“ Die Stimme ertönt sanft in ihrem Kopf, aber mit einem Hauch von Schärfe, der nicht zu überhören ist.
Sie sieht sich um. Sie erkennt diese Sprechweise inzwischen, doch es fällt ihr schwer, sich daran zu gewöhnen. „Freya, … was gibts?“ Ihre Stimme klingt missmutig.
„Es ist notwendig dir den Kopf zurechtrücken, bevor du dich selbst in ein neues Chaos stürzt“, antwortet Freya herausfordernd. „Du planst, ohne zu wissen, wohin oder wie zu fliehen, korrekt?“
Holly schweigt einen Moment, bevor sie leise murmelt: „Ich werde hier nicht bleiben. Der alte Herr wird mich nicht raus lassen. Und die Organisation … hat es auf meine Wenigkeit abgesehen, warum sonst werde ausgerechnet ich eingesperrt? Ich fühle mich wie in einem Knast.“
„Das ist verständlich“, entgegnet Freya sanftmütig. „Aber weißt du, was gefährlicher ist? Ein unüberlegter Ausbruch daraus. Du bist nicht bereit, Holly Du rennst los, ohne zu wissen, wohin oder einen Plan zu haben, keiner der dir Schutz bietet.“
Sie presst die Lippen zusammen. „Ich werde nicht hier sitzen und warten, bis sie mich holen? Beziehungsweise mein Vater die Kontrolle vollkommen übernommen hat. Das ist doch nicht dein Ernst!“
Freya lacht leise, ein melodisches, fast spöttisches Lachen. „In der Ruhe liegt die Kraft, Mädchen. Nicht jede Schlacht wird gewonnen, indem man der Erste ist, der das Schwert zieht. Manchmal braucht es Geduld. Der richtige Augenblick wird sich zeigen – zumindest, wenn du besonnen bleibst und ihn erkennst.“
Holly stellt fest, wie ihre Wut langsam nachlässt, doch die Unsicherheit bleibt. „Aber was, wenn ich diese Gelegenheit verpasse? Wie bemerke ich ob es zu spät ist?“
„Zuversicht, Holly“, sagt Freya sanft. „Vertrauen in dich selbst und in den Moment. Du bist zäh, stärker wie du glaubst. Aber deine Ungeduld ist die größte Schwäche. Lerne, sie zu zügeln. Handle, wenn der richtige Augenblick kommt – nicht früher und nicht später.“
Holly schließt die Augen, ihre Hände umklammern den Brief fester. Sie sieht ein, dass Freya recht hat, obwohl es ihr schwerfällt, das zu akzeptieren. „Und wenn es nie den richtigen Moment gibt?“
„Oh, er wird kommen“, versichert Freya mit einer Wärme, die Holly überrascht. „Aber du vorbereitet sein, ihn zu erkennen und zu nutzen. Bis dahin – halte durch, beobachte, sie und lerne. Du stehst dir sonst nur selbst im Weg.“
Ein Moment der Stille folgt, nur das leise Ticken einer alten Wanduhr ist zu hören. Holly atmet tief durch. „Somit … warten.“
„Nicht abwarten – vorbereiten“, korrigiert Freya mit einer Mischung aus Strenge und Nachsicht. „Und keine Sorge, wenn es so weit ist, werde ich dir helfen. Bewahre bis dahin – die Ruhe.“
Holly nickte langsam „Okay. Aber das heißt nicht, dass ich ewig hier festsitze, oder?“
„Absolut nicht. Du wirst das Haus nur nicht wie ein kopfloses Kind verlassen, sondern wie jemand, der sich genau im Klaren ist, über sein Handeln. Vertraue darauf.“ Freyas Stimme wird leiser, bis sie verstummt.
Holly bleibt eine Weile reglos sitzen, bevor sie sich langsam hinlegt. Womöglich hatte Freya recht – unter Umständen lag die wahre Stärke in der Geduld.
In der Nacht träumte sie wieder von der Wölfin, doch diesmal war es anders. Sie lag nicht mehr reglos neben ihr, sondern führte sie durch einen dunklen Wald. Überall flimmerten Lichter, wie Sterne auf dem Boden. Holly folgte dem Tier, empfand keine Angst, nur Neugier. Weit in der Ferne hörte sie ein Wispern, es klang wie Stimmen, die nach ihr rufen. Doch sie verstand die Worte nicht. In dem Moment, indem sie näherkam, erkannte sie leicht eine Silhouette, die an einen Menschen erinnerte – oder an einen Geist.
Dann öffnete sie die Augen. Ihr Zimmer war still und leer. Doch die Erinnerung an die Wölfin, an den Traum, blieb. Und in ihrem Innern wuchs die Gewissheit, dass sie auf dem richtigen Weg war, obgleich sie die Konsequenzen nicht erahnte.
Einige Tage später, nachdem Jonathan ins Haus gezogen war, in einer stillen Nacht, wo Victor weg war, schlug er ihr vor, zu fliehen. „Es ist jetzt sicher“, flüsterte er. „Die Wölfin aus deinen träumen wird dir helfen. Sie kennt den Weg und wird dich an den Wachen vorbeibringen.“
Holly sah ihn misstrauisch an. „Warum hilfst du mir?“
„Weil es nicht möglich ist das du ewig hierbleibst. Und ich dir etwas schulde – deiner Mutter.“
Das überzeugte Holly. Sie nahm nur das Nötigste mit, das Medaillon um den Hals und ihren Rucksack auf dem Rücken. Mit der Hilfe der Wölfin schlich sie sich aus dem Haus, unbemerkt von den Wachen der Organisation.
Draußen angekommen, rief sie Sean an. „Ich bin raus“, sagte sie leise. „Ist es möglich, dass du mich abholst?“
„Wo bist du?“ Seine Stimme klang besorgt, aber entschlossen.
Holly gab ihm die Adresse, und kurze Zeit später tauchte er mit seinem Auto auf, Sie stieg ein, und sie fuhren wortlos los. Erst nach einigen Minuten des Schweigens fragte Sean: „Was jetzt?“
Holly überlegte kurz. „Das Haus meiner Mutter. Es gehört mir, und womöglich finden wir dort Antworten.“
Sean nickte. „In Ordnung. Wir fahren hin.“
Im Haus ihrer Mutter angekommen, empfand Holly zum ersten Mal seit langer Zeit Sicherheit. Die vertrauten Gerüche und die alten Möbel wirkten beruhigend auf sie. Doch bevor sie sich weiter einrichtete, klopfte es leise an der Tür. Sean öffnete vorsichtig – und da stand Jonathan.
„Warum bist du hier?“, fragte er misstrauisch.
„Ich bin hier, um die Situation zu erklären“, sagte er gelassen und trat ein. „Holly, dein Vater hat zugestimmt, dir vorerst fernzubleiben. Er hat das Ziel, dir das letzte Schuljahr zu ermöglichen, ohne ständig in Angst zu sein. Aber du bist dazu angehalten vorsichtig zu sein. Die Organisation wird dich weiterhin beobachten. Dein Vater wird alles Erdenkliche anstellen, um die Magie in dir zu vertuschen, aber er ist nicht in der Lage das Ganze allein zu meistern.“
Holly hörte aufmerksam zu. „Und warum glaubst du, ich traue dir?“
Jonathan sah ihr direkt in die Augen. „Weil ich im Untergrund bin. Ich habe jahrelang versucht, deine Mutter zu schützen. Und jetzt bin ich hier, um dir zu helfen.“
Holly schwieg, doch irgendetwas in seiner Stimme klang ehrlich. Sie nickte langsam. „In Ordnung. Aber ich werde Zeit brauchen, um Vertrauen aufzubauen.“