Max lehnte sich in seinem Ledersessel in seinem Büro zurück, die Fingerspitzen aneinandergelegt, und ließ seinen Blick über den Bildschirm gleiten. Das Dossier, das er vor sich hatte, war nicht einfach nur eine Sammlung von Informationen es war so detailliert wie ein Lebenslauf, doch für ihn war es weitaus mehr. Es war das Ergebnis jahrelanger Beobachtung, sorgfältig zusammengestellt, um ein Bild von einer Frau zu zeichnen, die er noch nie getroffen hatte, die aber wie ein Schatten immer über seinen Entscheidungen gehangen hatte.
Sonja Weber.
Er sprach den Namen leise aus, als würde er ihn testen, ihn schmecken wollen. Der Klang war weich, fast musikalisch. Er passte zu den Bildern, die ihn auf dem Bildschirm ansahen: eine Frau mit langen blonden Haaren, einem Lächeln, das sowohl Wärme als auch Distanz ausstrahlte, und Augen, die mehr zu verbergen schienen, als sie zeigten.
Die Berichte waren klar und präzise. Sie lebte allein in einem großen Anwesen, mit nur ein paar Angestellten, arbeitete als Kellnerin in einem gehobenen Restaurant und hatte keine Freunde – zumindest keine, die nennenswert waren. Trotz ihres immensen Reichtums führte sie ein einfaches, fast unsichtbares Leben. Es war faszinierend – und frustrierend. Sie hatte das Unternehmen ihrer Eltern geerbt, aber das Tagesgeschäft einer anderen Person überlassen. Eine Frau, die sich aus dem Rampenlicht zurückzog, obwohl sie doch in der Position war, es zu dominieren.
„Was hat sie vor?“ „Was versteckst du, Sonja?“ murmelte er, während er durch die Seiten scrollte in der Hoffnung auf Antworten über Fragen die er nicht zu stellen gewagt hatte.
Die Informationen, die er über die Jahre gesammelt hatte, halfen ihm zu verstehen, was sie tat, aber nicht, warum sie es tat. Sie war ein Rätsel. Ihre Eltern hatten ihm vor ihrem Tod vorgeschlagen, sie zu heiraten, eine Verbindung, die ihre beiden Unternehmen untrennbar miteinander verbunden hätte. Doch Sonja hatte die Idee damals vehement abgelehnt – und das, ohne ihn jemals getroffen zu haben. Max hatte das Angebot damals als Beleidigung empfunden. Doch jetzt, Jahre später, fand er sich immer wieder bei dem Gedanken, dass es vielleicht nicht so absurd war, wie es einst schien.
Martin, sein persönlicher Assistent, trat leise ins Büro, einen Stapel Dokumente in der Hand. „Die Quartalszahlen, wie gewünscht. Ihre Eltern erwarten einen Bericht, bevor Sie in das nächste Meeting gehen, außerdem wollen ihre Eltern einen Plan wie sie Sonja Weber von sich überzeugen wollen.“
Max nahm die Unterlagen entgegen, doch seine Aufmerksamkeit blieb auf dem Bildschirm. „Meine Eltern erwarten viel von mir. Das tun sie immer.“
„Das ist der Preis, wenn man der Erbe eines Imperiums ist,“ antwortete Martin trocken mit gehobener Augenbraue.
Max warf ihm einen flüchtigen Blick zu, ein Lächeln zog kurz über seine Lippen. „Vielleicht.“
Sein Blick wanderte zurück zu den Bildern von Sonja. Sie war anders als die Frauen, die er bisher gekannt hatte. Nicht, weil sie besonders herausragend war – zumindest nicht auf den ersten Blick. Es war eher das, was in den Zwischenräumen lag, in den stillen Momenten, die die Kameras eingefangen hatten.
„Weißt du, Martin, es ist merkwürdig. Wir haben alles über diese Frau gesammelt, jede Kleinigkeit, die wir über sie finden konnten. Und trotzdem fühlt es sich an, als wüsste ich nichts über sie.“
Martin folgte Max’ Blick auf den Bildschirm. „Vielleicht sollten Sie sie einfach kennenlernen. Nicht als Geschäftspartner. Nicht als Teil eines Plans. Sondern als Mensch.“
Max lehnte sich zurück und legte die Hände hinter den Kopf. „Vielleicht hast du recht. Aber ich habe keinen einfachen Zugang zu ihr. Sie versteckt sich praktisch in diesem Restaurant und ihrem Anwesen. Es ist, als würde sie eine Mauer um sich ziehen.“
Martin schmunzelte. „Dann brechen Sie die Mauer ein.“
„Martin,“ sagte er schließlich, „wie oft waren wir eigentlich schon im Maison Blanc?“
„Noch nie, Sir. Zumindest nicht offiziell.“
Max nickte nachdenklich. „Das wird sich ändern.“
Später an diesem Abend stand Max vor dem Spiegel in seinem Ankleidezimmer. Er trug einen maßgeschneiderten Anzug, der wie angegossen saß, doch er warf ihn auf das Bett. Stattdessen griff er zu einer schlichten Jeans und einem Pullover. Wenn er Sonja kennenlernen wollte, durfte sie nicht den Eindruck haben, dass er der reiche Erbe war, der sie für einen Deal gewinnen wollte.
Das Maison Blanc war ein Ort, der Eleganz und Geschmack ausstrahlte. Max hatte sich bewusst für diesen Ort entschieden, nicht nur, weil Sonja hier arbeitete, sondern auch, weil er wusste, dass es die Art von Umgebung war, in der sie sich wohl fühlte – zumindest auf den ersten Blick.
Es war ein warmer, angenehmer Abend, und die Lichter des Restaurants strahlten einladend in die dunkle Straße hinaus. Als er die Tür öffnete und das Restaurant betrat, schlug ihm der Duft von frischen Kräutern und gebackenem Brot entgegen. Das Ambiente war genauso, wie er es sich vorgestellt hatte: elegant, dezent luxuriös, ohne übertrieben zu wirken.
Sein Blick wanderte durch den Raum, bis er sie sah. Sonja bewegte sich mit einer Leichtigkeit und der Anmut einer Tänzerin zwischen den Tischen, die fast hypnotisch war. Sie war perfekt gestylt, ihre Weste saß makellos, und ihre blonden Haare schimmerten im weichen Licht des Restaurants. Sie sprach mit einem Gast, ihr Lächeln freundlich, aber professionell, und Max bemerkte sofort, dass es nicht ihre wahre Miene war.
„Willkommen im Maison Blanc,“ begrüßte sie ihn schließlich, als er an der Anrichte erschien. Ihre Stimme war warm und höflich, ihre blauen Augen musterten ihn kurz, bevor sie ihm ein höfliches Lächeln schenkte, sie blieb jedoch professionell distanziert.
„Vielen Dank,“ antwortete Max und nickte leicht. „Ich bin zum ersten Mal hier. Haben Sie eine Empfehlung?“
Sonja nahm eine Speisekarte zur Hand und öffnete sie mit einer geschmeidigen Bewegung. „Unsere Spezialität des Abends ist das Kalbsfilet mit einer Rotweinsauce. Wenn Sie etwas Leichteres bevorzugen, kann ich Ihnen den gegrillten Lachs empfehlen.“ Max bemerkte, wie sie dabei keine Spur von Unsicherheit zeigte, wie sie ihre Rolle perfekt ausfüllte. Doch etwas an ihr faszinierte ihn – es war nicht nur ihre Eleganz, sondern auch das leichte Flackern in ihrem Blick, als ob sie all das nur spielte
„Ich vertraue Ihrem Geschmack,“ sagte Max und erwiderte ihr Lächeln.
Sonja notierte seine Bestellung und führte ihn zu einem Tisch in der Mitte des Raumes. Während er Platz nahm, spürte Max, wie sich die Blicke einiger anderer Gäste auf ihn richteten. Es war ein Effekt, den er gewohnt war – Menschen neigten dazu, ihn zu bemerken, egal wo er war. Doch er schenkte ihnen keine Aufmerksamkeit. Sein Fokus lag allein auf Sonja. Max beobachtete sie, ohne aufdringlich zu wirken. Sie war noch faszinierender, als er erwartet hatte. Doch er musste vorsichtig sein. Sonja war offensichtlich jemand, der Distanz bevorzugte – und er wollte sie nicht verschrecken.
Sie war tadellos in ihrer Arbeit, bewegte sich mit Anmut und sprach mit einer Gelassenheit, die sie älter wirken ließ, als sie tatsächlich war. Doch da war etwas in ihren Augen, das ihn nicht losließ – eine Art von Traurigkeit, die sie nicht ganz verbergen konnte.
Als sie schließlich seine Bestellung brachte, lächelte er sie an. „Ich muss sagen, Sie haben einen beeindruckenden Stil, Sonja.“
„Vielen Dank,“ antwortete sie höflich und stellte den Teller vor ihm ab zusammen mit einem perfekt eingeschenkten Glas Rotwein. „Ich hoffe, das Essen wird Ihnen schmecken.“
„Das tut es sicher,“ sagte Max. „Aber was mich mehr beeindruckt, ist, wie gut Sie mit den Gästen umgehen. Haben Sie das schon immer so gekonnt?“
Sonja wirkte kurz irritiert, fing sich aber schnell. „Es ist Teil meines Jobs, Sir. Ich tue einfach mein Bestes.“
„Das sieht man.“
Sie nickte knapp und wandte sich ab, ohne ihm Zeit für weitere Fragen zu geben. Max sah ihr nach, während sie zu einem anderen Tisch ging. Es war faszinierend, wie sie sich bewegte – fast wie ein Schatten, der nie zu lange an einem Ort verweilte.
Am Ende des Abends war das Restaurant fast leer, doch Max blieb sitzen, nippte an seinem Glas Rotwein und wartete darauf, dass Sonja zurückkehrte. Sie warf ihm gelegentlich einen kurzen Blick zu, sagte jedoch nichts. Schließlich trat sie an seinen Tisch und fragte: „Kann ich Ihnen noch etwas bringen?“
„Ja,“ antwortete Max und sah sie direkt an. „Ein paar Minuten Ihrer Zeit.“
Sonja zögerte, ihre Stirn legte sich in leichte Falten. „Ich… bin mir nicht sicher, ob das angemessen ist.“
„Warum nicht?“ fragte er ruhig. „Es sind doch nur Worte.“
Sie blieb stehen, ihr Blick suchte kurz seinen, bevor sie schließlich nachgab. „In Ordnung. Was möchten Sie wissen?“
Max lehnte sich zurück, ein leichtes Lächeln spielte um seine Lippen. „Alles.“